Ein königlicher Schachzug

Guter Start einer Partnerschaft zwischen Festspielen und Burgtheater mit “Richard II.”
Bregenz Shakespeares „Richard II.“, das seltener gespielte Stück aus dem Fundus der Königsdramen, beschert der Theaterstadt Wien kein besonderes Glück. Die Premiere vor zehn Jahren war ein Produkt, deren Ästhetik man ansah, dass es Claus Peymann bereits ein Jahrzehnt davor am Berliner Ensemble offerierte. Neben Bemerkungen, die die Neuinszenierung von Johan Simons nun zeitigen wird, steht es aber außer Frage, dass das Publikum in Vorarlberg nicht nur einem einmaligen Gastspiel aus Wien mit Wohlwollen begegnet, sondern auch einer Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen den Bregenzer Festspielen und dem Burgtheater mit großem Interesse entgegensieht. Die Gründe der überschaubar besetzten Publikumsreihen im Festspielhaus sind bekannt: Nur in Vorarlberg sind Aufführungen überhaupt möglich, im zur Modellregion erklärten Bundesland mit einer hoffentlich weiterhin moderaten Zahl von Corona-Neuinfektionen sind die Kultureinrichtungen bis höchstens 20 Uhr für jeweils 100 aktuell negativ getestete Besucher geöffnet. Angesichts der Größe des Raumes und einer Belüftung auf neuestem Stand wird einem ohnehin bewusst, dass in Österreich Bürokratie und faktenorientierte Flexibilität Gegensatzpaare sind.
Vorausschauend auf die Festspiele
Glücklich, dass überhaupt etwas erlaubt ist bzw., dass sich die Landesregierung – vielleicht auch vorausschauend auf die kommende Festspielsaison – durchgesetzt hat, ist man mit FFP2-Maske und in einem Abstand von fünf bis zehn Metern zum nächsten Besucher mit Dramenliteratur und englischer (Königsfamilien-)Geschichte konfrontiert, die fürs Erste einmal wohltuend von jenem Gossip-Niveau abweicht, das aus Großbritannien gerade aufs europäische Festland herüberschwappt.
Betonung des Theaterkollektivs
Mit „Richard II.“ hat sich der Niederländer Johan Simons dem Drama eines gestürzten Herrschers angenommen, der als Kindkönig und schließlich Tyrann in der Geschichte Großbritanniens aufscheint. Shakespeare hat er zudem bewogen, jenes Gottesgnadentum zu hinterfragen, das sich – im Mittelalter noch stark ausgeprägt – als Symbol bis in die Zeit hielt, als sich die meisten europäischen Staaten dazu entschlossen hatten, ihre Repräsentanten per Wahl zu bestimmen und nicht einem dynastischen Zufall zu überlassen. Was also tun mit diesem Richard, der der Machtgeilheit und dem Intrigantentum seiner Zeit und vor allem seiner Sippe nicht gewachsen war und dem es an Klugheit fehlte, um zu anderen Waffen zu greifen? Simons, in der Region aus seiner Intendantenzeit an den Münchner Kammerspielen und durch Inszenierungen in Zürich ein Begriff, wählte zwar die moderne Thomas-Brasch-Übersetzung, die mittlerweile Usus ist, begegnet der Tatsache, dass die Königsdramen (etwa die Stücke mit einem Richard oder Heinrich im Titel) schon oft genug konkret politisch aktualisiert wurden, mit der allerdings ebenso schon etwas ausgelaugten Betonung des Theaterkollektivs. Die Akteure sitzen am Rande eines Spielfelds, wählen sich irgendeinen Fetzen aus der Requisitenkammer (Kostüme: Greta Goiris), der die Zeit zwischen damals und heute überbrückt und machen Shakespeares fein erspürte Psychologie dann quasi zum Angebot: Such dir aus, was dir gefällt.
Endlich kein Pathos
Und so begegnet uns in Richard ein an Weltschmerz Geplagter, ein Zögernder und ein Herrscher, der mit Bolingbroke, seinem Widersacher, Unterwürfigkeitsspiele treibt. Raubtiergefauche und Zähnefletschen nimmt sich abseits vom Kindertheater nur gut aus, wenn es als Apercu auszumachen ist, als kurzes Heben der Maske. Als über längere Zeit unterlegter Sound oder immer wiederkehrender Aspekt bereitet es den Figuren einen Teppich, auf dem die Auseinandersetzung zwar Drive bekommt, aber der intellektuelle Inhalt der Szenen, etwa jener von Oliver Nägele als Herzog von York und von Martin Schwab als Johan von Gaunt, etwas abschwächt. Als Lichtblick in dieser Aneinanderreihung menschlicher Verfasstheit erweist sich die Übergabe der Krone. Sarah Viktoria Frick darf als Bolingbroke ihre Meisterschaft im gleichzeitigen Vermitteln von zwei Gegenpolen offenbaren, nämlich die Tragweite des Tuns und die Banalität des Moments. Endlich kein Pathos, dem der als Richard vielschichtig, aber niemals manieriert agierende Jan Bülow dann nicht entkommt, wenn er die Androgynität der Figur in dieser Inszenierung eigens betont.
Königin Isabel (Stacyian Jackson) als Antreiberin Richards eine weitere Funktion und mehr Text zu geben, bringt als Sichtweise eine weitere Färbung in das gut zweistündige Spiel, dem dieses Ensemble so viel Dichte verleiht, dass selbst dann kein Leerlauf entsteht, wenn die Akteure jenes Architekturgerüst, das das Bühnenbild von Johannes Schütz ist, selbst ab- und umbauen müssen. Auf weite Strecken funktioniert die Theaterkollektiv-Methode somit noch.
Und wenn hoffentlich bald wieder eine Burgtheater-Crew anreist, erübrigt sich auch der Verweis auf das verdammte Virus, der hier auftaucht, wenn das Angehauchtwerden als Waffe zum Einsatz kommt.

Aufführungstermine von “Richard II.” in Wien konnten noch nicht fixiert werden.