Wie Imagepflege oder Rückschau

Kultur / 02.04.2021 • 22:40 Uhr
Wie Imagepflege oder Rückschau

„Mein Tag im anderen Land“ fügt sich nahtlos in Peter Handkes Werk.

Erzählung Der hohe Ton und der hohe Thron, von dem aus der Erzähler meist auf die Niederungen der Menschheit blickt, wird immer wieder ironisiert. Das Beharren auf dem eigenen Anspruch, auf dem eigenen Außenseitertum, auf das eigene Besserwissen wird zwar nicht fallengelassen, doch es wirkt wie Imagepflege oder Rückschau. Der ehemalige Obstgärtner, der in der Erzählung das Wort führt, war in seiner Jugend einer, der bisweilen außer sich gerät und verbal um sich schlägt. Im Dorf kursieren Redensarten wie: „Launisch wie ein Obstgärtner.“ Es wird schlimmer, die Leute meiden den Kontakt, und so scheint er schließlich bloß sich selbst zu meinen, wenn er schimpfend durchs leere Dorf geht: „Spaltpilz!“ – „Untermensch!“ – „Verwurmter Kern!“ Der Gärtner wird zum Wanderer. Das Gehen ist seit Langem eines der Hauptmotive Handkes, und so wird auch der Gärtner zum Wanderer. Er zieht „kreuz und quer durch das Land“, und nichts ist ihm recht. Wahlweise wirft er denen, die ihm begegnen, zu breite oder zu schmale Schultern, zu hohe oder zu niedrige Stirn, falsche Haarfarbe oder unvorteilhafte Beinlänge vor. Und das Mittelmaß passt ihm schon gar nicht.

„Der Gehwind mir den Arm um die Hüfte legend, auch noch lange im Nachhinein“, heißt es da einmal, oder: „Hindernisse stellten sich in den Weg, Hindernis um Hindernis: willkommen, Hindernis, und bitte, noch ein Hindernis, und noch eines – o Hindernisfreuden.“ Ist man schon da nicht sicher, ob es sich dabei um eine Selbstpersiflage handelt, so setzt Handke in seiner Geschichte noch eines drauf: Wer seine Unverwechselbarkeit verliert, indem er sich anpasst und eingliedert, wird künftig eben verwechselt. „Mein Tag im anderen Land“ fügt sich nahtlos in Handkes Werk, von der radikalen Opposition der „Publikumsbeschimpfung“ über die vielen auf Bühnen und zwischen Buchdeckeln unternommenen Wanderungen bis zu seinem Roman „Die Obstdiebin“: Wie dort trifft er letztlich eine Lebensgefährtin, wie dort mündet alles in eine versöhnliche Feier.

“Mein Tag im anderen Land – Eine Dämonengeschichte”, Peter Handke, Suhrkamp, 94 Seiten.