Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Pfeilschnell in die Luft davon

Kultur / 09.10.2020 • 18:56 Uhr

„Pfeilschnell durch die Luft davon fliegt Hadschi Bratschis Luftballon.“ Irgendwie war es wie ein Abheben, ein in die Luft Fliegen. Ich glaubte, hoch über die Länder zu ziehen, all die Dinge auf der Welt von oben zu sehen. Eigentlich ganz klein, denn ich war ja hoch oben, aber doch so, dass ich alles sehen konnte, die Mutter, die das Kind vor Hadschi Bratschi warnte, das Auto, das gerade in einen Baum fuhr, die Eisenbahn, die langsam durch die Felder zog, das Schiff, das aus dem Hafen zog und von dem die Menschen an Bord jenen im Hafen zuwinkten. So hoch konnte ich fliegen mit dem Buch „Hadschi Bratschis Luftballon“ von Franz Karl Ginzkey. Es war nicht lesen, was ich hier konnte, es war träumen. Und fliegen im Traum. Ich verließ mein Zimmer, mein Bett, in dem ich mit Hadschi Bratschi lag, ich fieberte mit dem kleinen Kind, das der Hadschi Bratschi entführte, ich fürchtete mich und wollte trotzdem mitfliegen. Immer weiter, Seite für Seite. Ich wurde zum Jungen, der in diesem Luftballon von Hadschi Bratschi saß und traurig zur Erde, zum Vaterhaus schaute, das immer kleiner wurde. Ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte genau ging, ich weiß aber, dass ich mitten drin war, dass ich gegen Hadschi Bratschi kämpfte, damit wir wieder heim fliegen konnten. Und jetzt weiß ich es wieder: Hadschi Bratschi lehnte sich zu weit aus dem Korb und er fiel in einen tiefen Brunnen, die Hexe Kniesebein wollte uns fassen, sie stürzte in einen Kamin. Die Geschichte ging gut aus, ich war dabei und weinte mit dem Jungen, als ihn sein Vater wieder in die Arme nahm. Kaum einmal hat mich eine Geschichte so mit sich genommen wie jene von Hadschi Bratschis Luftballon, nie mehr bin ich so schön und so gruselig geflogen.

Ich bin mir nicht sicher, dass man Hadschi Bratschi heute noch Kindern zumutet – neue Ausgaben haben jedenfalls Veränderungen vorgenommen: Die ganzen scheinbaren Grausamkeiten sind abgemildert – alles angepasst eben, für heutige Kinder tauglich gemacht. Für mich war der Hadschi Bratschi im Original eine der schönsten Leseerfahrungen. Und so geht es mit manchen „alten“ Geschichten, so geht es auch mit Märchen, die viele für zu grausig, für zu brutal für Kinder halten. Ich meine das nicht, glaube vielmehr, dass Kinder das lieben, dass sie sich in ihrer Fantasie ihre eigene Realität bilden, die auch Hexen und Zauberer leicht wegstecken. Kinder sind klüger, als wir glauben.

„Ich glaube vielmehr, dass Kinder das lieben, dass sie sich in ihrer Fantasie ihre eigene Realität bilden, die auch Hexen und Zauberer leicht wegstecken.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.