Genaue Beobachtungen und tiefe Einsichten

Kultur / 11.09.2020 • 19:02 Uhr
Hamster im hinteren StromgebietJoachim Meyerhoff,Kiepenheuer & Witsch,308 Seiten

Hamster im
hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff,

Kiepenheuer & Witsch,

308 Seiten

Joachim Meyerhoff schreibt über seinen Schlaganfall.

Erzählung Eine Krankengeschichte ist üblicherweise nicht die spannendste Lektüre. Wenn aber Schauspieler Joachim Meyerhoff über seinen Schlaganfall schreibt, dann ist das ein Feuerwerk an genauen Beobachtungen, funkelnden Formulierungen und tiefen Einsichten. In “Hamster im hinteren Stromgebiet” wird man Zeuge einer existenziellen Auseinandersetzung mit den Dingen, die das Leben ausmachen. Zu Meyerhoffs Erzählkunst gehört die Unmittelbarkeit, die er herstellen kann. Man ist buchstäblich hautnah dabei, wenn er sich mit leicht selbstironischer Distanz darüber wundert, was einem so alles passieren kann. So ein “Schlagerl”  haut die “blonde Bombe” schon nicht um, möchte meinen, wer je den Starschauspieler berserkerhaft und unter Strom stehend über die Bühne turnend erlebt hat. Und doch ist ein winziges Blutgerinnsel in einer Kleinhirnzone namens “hinteres Stromgebiet” imstande, von einer Sekunde auf die andere einen gesunden 51-Jährigen in einen Greis zu verwandeln. Nicht nur bei der geringen Schädigung seines Gehirns, auch beim dramatischen Vorfall selbst hat Meyerhoff Glück: Am Küchentisch über einer Hausarbeit seiner Tochter sitzend, kann er sofort einordnen, was ihm geschieht, als ihm die linke Körperhälfte abhandenkommt, und kann dank intakter Artikulationsfähigkeiten seine Angehörigen instruieren, was zu tun ist.

Was im Leben etwas bedeutet

Mit welcher Genauigkeit er beschreibt, welche unerhörten Vorgänge er in seinem Körper wahrnimmt und einzuordnen versucht, ist außerordentlich. Doch rasch kommt zu der außer Rand und Band geratenen Innenwelt eine Außenwelt dazu, die ebenso irritierend ist. Sind die Sanitäter endlich eingetroffen, muss das Auto vor dem Haus warten, bis sich endlich eine Stroke-Unit findet, die den Patienten aufnimmt und man Gas geben kann. Das hat alle Zutaten zum großen Drama, und der Autor macht kein Hehl aus dem hohen Emotionspegel aller Beteiligten. Überhaupt schildert er offen seine Gewissensbisse, die in so einer Lebenssituation noch stärker an ihm nagen als sonst: Ein tiefer Vertrauensverlust, der mit dem Begriff Patchwork-Familie verharmlost wird, ist mit Schmerzen verbunden. In seinen Nächten auf der Intensivstation erinnert sich Meyerhoff an Reisen, und diese Abenteuer sind natürlich eines tragikomischer als das andere. Im Spital wird ihm bewusst, was ihm im Leben wirklich etwas bedeutet.