Die Rückkehr eines Szeneautors

Die Hosen der Toten
Irvine Welsh, Heyne Hardcore, 474 Seiten
Irvine Welsh zählt zu den profiliertesten Autoren Schottlands, aus gutem Grund.
Romane Seinen großen Durchbruch hatte der Autor 1993 gleich mit seinem Debüt „Trainspotting“. Trainspotting ist eine Scheinbeschäftigung oftmals arbeitsloser Jugendlicher, die Kennzeichen von Zügen fotografieren und sie untereinander abgleichen. Kinder machen ähnliche Spiele mit Kennzeichen ganz gerne bei Autofahrten in den Urlaub. Eine eher suboptimale Beschäftigung also, die jedoch punktgenau in die schottische Metropole Glasgow zu Beginn der 1990er-Jahre passte. Der Roman „Trainspotting“ zeigt eine Bande Glasgower Jugendlicher, ohne jegliche Perspektive, die in eine neue Welt nach London aufbrechen wollen und es nur bedingt schaffen. Dazu kommen der gleichnamige Film und eine CD. 2004 gab es dann die berechtige Fortsetzung, die der Autor nun in ein groß angelegtes Finale, „Die Hosen der Toten“, münden lässt.
Ausgerechnet in einem Flug von Miami nach Schottland trifft Mark „Rent Boy“ Renton seinen früheren Weggefährten Frank „Franco“ Begbie wieder, dem er noch einen Batzen Geld schuldet. Frank wurde jedoch in den letzten Jahren zum gefragten Maler und in Mark nagt der Neid, während er sich mit DJs und ihren Mätzchen herumschlagen muss. Es geht retour ins nasse Schottland, wo sie auf die anderen Kumpels, Simon „Sick Boy“ und Danny „Spud“ Murphy treffen.
Die Zusammenführung wäre also geschafft, das Leben ist nach wie vor ein Hit. Die Jungs sind Künstler, DJ-Manager oder verplempern im schlimmsten Fall ihre Zeit. Aber man merkt, wie es bei den Buben in der Midlife-Crisis überall schon zwickt. Also kann das von Irvine Welsh in den ersten zwei Romanen dargestellte sorglose Leben nur noch eingeschränkt funktionieren. Wenn man sich die Jungs gut in Erinnerung behalten möchte, schenkt man sich das letzte Viertel. Im bürgerlichen Leben will man sich die vier Berufsjugendlichen kaum vorstellen. Rein sprachlich gesehen ist der lockere Irvine Welsh natürlich eine Klasse für sich und den schwarzen Humor hat er auch ein Leben lang gebucht.
Ein schauderhafter Rückblick
Eine Spur zurückhaltender geht es bei Max Annas zu. Annas wurde bereits viermal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. In der BRD aufgewachsen, verschlug es ihn jedoch immer wieder zu Studienreisen in die DDR. So ist auch in „Der Fall Melchior Nikoleit“ viel Authentizität zu spüren. Der Roman spielt in den frühen 1980er-Jahren in Jena, wo ein Ost-Punk, Melchior Nikoleit, ermordet aufgefunden wird. Schnell sind Verdächtige gefunden: Die Freunde des Ermordeten, die als Punk-Musiker der gesamten DDR kritisch gegenüberstehen, sind im Stasi-Denken allemal verdächtig. Dazu spielt auch noch Melchiors Vater eine gewisse Rolle, der schnell zu Wutausbrüchen und Gewalttätigkeiten neigt. Im Übrigen wimmelt es von Neonazis und mit ihnen das Problem der Vergangenheitsbewältigung. Dem gegenüber steht Max Annas als besonnener Autor, der die Story entspannt und mit einer großen Liebe zum Detail aufzieht. Seine präzise Bildersprache erinnert an Ulf Miehe, der Autor betreibt Vergangenheitsaufarbeitung auf hohem Niveau.

Der Fall Melchior Nikoleit
Max Annas, Rowohlt, 333 Seiten