“Wer behauptet, dass Kultur Luxus ist, hat gar nichts verstanden”

Kultur / 20.06.2020 • 20:00 Uhr
"Wer behauptet, dass Kultur Luxus ist, hat gar nichts verstanden"
Stefan Dünser macht sich ständig Gedanken um seine Umwelt und wie das mit ihr nun weitergehen soll. KATHARINA MÜNST

Der Musiker Stefan Dünser ist einer von denen, die die Krise hinterfragen und ihr auf den Grund gehen.

GÖTZIS Der Stefan Dünser ist ein lustiger Kerl, denkt man sich, stets gut drauf, mit seinem Scooter von Termin zu Termin unterwegs und immer voll neuer Ideen. Wer ihn näher kennt, weiß, dass hinter dieser Fassade ein tiefgründiger, nachdenklicher Mensch steckt, ein Philosoph, der sich ständig Gedanken macht um seine Umwelt und wie das mit ihr nun weitergehen soll.

Wie groß war der Schock, als Ihnen erstmals das Ausmaß der Krise bewusst wurde?

Das war für uns alle ein unglaublicher Schock, aber auch ein Wachrüttler sondergleichen, einer, auf den wir gerne verzichtet hätten und zugleich einer, der dringend kommen musste. Wir haben von fast allem zu viel, nur vom Essenziellen immer mehr zu wenig: von echten Begegnungen mit Menschen, von tröstenden und nährenden Naturerlebnissen und vom Verzicht, der uns im Grunde glücklicher macht. Das könnte das Geschenk von Corona sein.

Wie waren aus Ihrer Sicht die Pakete, die man speziell im Kulturbereich geschnürt hat, um die Folgen für Kunstschaffende abzumildern?

Wer behauptet, dass Kultur Luxus ist, hat gar nichts verstanden. Kultur in vielen Formen nährt uns, eröffnet uns neue Welten, macht uns kreativ, stark, hoffnungsvoll und offen. Das sind essentielle Dinge, die wir auch in der Wirtschaft dringend brauchen. Für Künstler wurde keine Kurzarbeit angedacht – sondern Stillstand.

Wie sehen Sie die gegenwärtige kulturelle Situation in Vorarlberg?

Eine Riesenchance für Vorarlberg! Wir sind international auch als Kulturland berühmt – sowohl als Wahrer von Tradition als auch als innovatives und höchst kreatives Völkchen. Der Tourismus in Vorarlberg fußt auch auf dieser Tatsache. Genau jetzt sollten wir mit niveauvollen Konzerten und Kulturevents außerhalb Vorarlbergs werben, das bringt auch Gäste mit niveauvollem Anspruch, das rechnet sich auch!

Haben Sie während der Krise Ihre Schüler auch virtuell unterrichtet – erfolgreich?

Fast alle Musiklehrer haben in dieser Zeit heldenhaft mit Handy und Computer unterrichtet. Auch die 35.000 Eltern von musizierenden Kindern in Vorarlberg waren dankbar für diese wunderbare Freizeitbeschäftigung. Kinder durch Musik innerlich zu stärken – das ist unsere wichtigste Aufgabe!

Wie schaut es mit der Wertschätzung der Musiklehrer in Vorarlberg aus?

Finanziell katastrophal. Die Musikschullehrer sind bei uns trotz überdurchschnittlicher Leistungen die mit Abstand am schlechtesten bezahlten Lehrkräfte Österreichs! Mit dem Gehalt eines Musikschullehrers kann man eine Familie nur schwer über die Runden bringen. Die Lehrergehaltsdiskussion muss endlich zum Abschluss gebracht werden, trotz Covid-19.

Was haben Sie als Musiker am meisten vermisst durch Corona?

Die Nähe zu anderen Menschen. Das direkte Erleben unseres Publikums, der Austausch nach einem schönen Konzert. Das Schönste in unserem Musikeralltag sind die strahlenden Augen von Menschen, mit denen man gerade den Zauber von Musik geteilt hat. Obwohl es da einige wohlgemeinte Bemühungen gegeben hat, haben die ganzen Youtube-Livestreams ein großes Vermissen in mir ausgelöst. Es geht doch in Wahrheit um ein echtes gemeinsames sich „Er-Leben“. Nach zwei Monaten Lockdown, beim „Tag der Blasmusik“, durfte ich ein paar Blasmusikanten im Grünen zuhören. Dieses Liveerlebnis hat mich so berührt, dass ich ein paar Glückstränen nicht zurückhalten konnte.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, etwas anderes als Musiker geworden zu sein?

Das Spielen meiner Trompete ist mein innerer Auftrag und auch das Bereiten von Lebensglück für alle, die Lust haben, Leidenschaft und Fröhlichkeit an sich heranzulassen.

Wie sehr hat sich die Krise auf Ihre Erfolgsprojekte ausgewirkt, das Sonus Brass Ensemble und die „Schurken“?

Diese beiden Ensembles dürfen regelmäßig an den größten deutschsprachigen Häusern und Festivals Vorarlberger Kultur präsentieren. Die Gagen an den Konzerthäusern im Frühjahr hätten einen wesentlichen Teil meines Jahresverdienstes ausgemacht. Fast alle der circa 60 abgesagten Konzerte werden im kommenden Jahr und 2022 nachgeholt, wir sind sehr glücklich über diese Wertschätzung. Aber schon im Herbst und vor allem zur Weihnachtszeit werden wir wieder mit großem Enthusiasmus ganz Vorarlberg bespielen!

Haben manche die Krise auch als Vorwand genommen, um über das eigene Schicksal zu jammern, wo gar kein Anlass war?

Wir lassen uns von der Angst eines neuen Lockdowns jagen, dabei sollten wir unsere ganze vereinte Kraft dazu verwenden, das abzuwenden, was uns viel mehr bedroht: eine zerstörte Umwelt und ein immer stärker werdender Egoismus. Fritz Jurmann

stefan Dünser

GEBOREN 1968 in Bludenz, wohnhaft in Götzis

AUSBILDUNG Landeskonservatorium Feldkirch: Lehrdiplom mit Auszeichnung, Musikuniversität Basel: Konzertdiplom mit Auszeichnung

TÄTIGKEIT 1992 – 2012 Solotrompeter im SOV, Gründer und Mitglied im Sonus Brass Ensemble und bei den „Schurken“, Lehrer an der Musikschule Dornbirn, Autor von elf Musikbüchern, international tätig als Juror, Kursleiter und Coach

AUSZEICHNUNGEN Siegerprojekt mit „Die Blecharbeiter“ beim Int. Find-it-Award 2004; „Junge Ohren Preis“ Berlin 2008 mit den „Schurken“, YEAH! EARopean Award im Sonus Brass Ensemble

FAMILIE verheiratet, drei Kinder