“Schlafen kann ich auch später noch”

Kultur / 16.06.2020 • 18:09 Uhr
Eva Ludwigs erstes Buch „Tauchgänge“ erschien 1992 und wird nach wie vor verkauft. BI
Eva Ludwigs erstes Buch „Tauchgänge“ erschien 1992 und wird nach wie vor verkauft. BI

Eva Ludwig ist auch mit 99 Jahren noch als Autorin aktiv.

Dornbirn Eva Ludwig ist eine außergewöhnliche Frau. Im August feiert die Autorin ihren 100. Geburtstag. In ihr findet man eine anregende Gesprächspartnerin, die sich auch politisch klar positioniert. Um sich eine eigene Meinung zu bilden, bezieht sie ihre Informationen aus internationalen Medien, auch russische Sender gehören dazu. Vor Kurzem erst erschien ein Ausschnitt ihrer Biografie in der Anthologie „Heimatstern“, herausgegeben von Literatur Vorarlberg. Darin schildert sie eindrücklich und sprachlich präzise ihre Kindheit in Mähren, die prägende Beziehung zu ihrem Großvater, Studienzeiten in Wien und Innsbruck, aber auch sehr berührende Kriegs- und Flucht­erlebnisse. So auch ihre abenteuerliche Flucht mit ihrem damals erst sechsmonatigen Sohn von Norddeutschland nach Dornbirn. Zum Schreiben kam sie durch Zufall. „Mein Mann ist vor 18 Jahren gestorben. Beim Ordnen seiner Sachen stieß ich auf eigene Texte. Jedes Mal, wenn mich etwas sehr bewegt hat, habe ich geschrieben. Mein Sohn, der mir beim Ordnen behilflich war, hat mir zu einer Veröffentlichung geraten. Daraufhin habe ich mich mit Ulrich Gabriel in Verbindung gesetzt. Über manche Reminiszenzen musste er herzhaft lachen“, erinnert sie sich.

Tatendrang und Kreativität

Ihr erstes Buch „Tauchgänge“ erschien 1992 und wird nach wie vor verkauft, auch die Illustrationen sind von ihr: „Tauchen war immer eine Leidenschaft von meinem Mann und mir. Wir waren von der ersten Stunde an bei der Unterwasserarchäologie dabei. In den 50er Jahren war das noch recht abenteuerlich. Damals waren wir frei wie die Fische, es gab keine Limits. Mein Mann war immer ein wenig vorsichtiger, ich war viel wilder.“

Ihre bewegte Lebensgeschichte ist geprägt von Tatendrang und Kreativität. Die studierte Pharmazeutin arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann, einem Architekten, an vielen Projekten. Auch ihr Haus wurde in Eigenregie errichtet: „Ich habe Ziegel geschichtet und Isolierungen gelegt. Das hat mir nichts ausgemacht, denn ich habe immer viel und gerne gearbeitet.“ Nebenher führte sie eine kleine Manufaktur für Mützen und Mäntel aus Pelz, die Modelle entwarf sie selbst. Auch in diesem Metier lebte sie ihre Kreativität aus. Zahlreiche Anekdoten sind ihrem Leben mit Tieren gewidmet: „Meine schönste Erinnerung gilt meinem ersten Pferd. Ich war immer schon um zehn Uhr im Stall und bin dann ausgeritten.“ Ihren Hund Kormi hat sie aus einer ungarischen Tötungsanstalt geholt. Soziale Aspekte sind ihr in jeder Hinsicht wichtig.

Geschlafen habe sie immer sehr wenig: „Man kann manches erleben, wenn man so lange lebt und nicht schläft! Ich hatte immer so viel zu tun, schlafen kann ich später immer noch.“ Eine Krankheit vor zwei Jahren beeinträchtigt das Sehvermögen der agilen Frau, dennoch macht sie ihren Haushalt nach wie vor selbst, auch ihren Garten bewirtschaftet sie gerne: „In meinem Alter gibt es eben Sand im Getriebe – und dies im wahrsten Sinn des Wortes. Alles geht ein wenig langsamer.“ Einen erst kürzlich erhaltenen Rollator führt sie als Turngerät vor, auf einem Hometrainer stärkt sie täglich ihre Beinmuskeln. Vor sechs Jahren schenkte ihr Sohn ihr einen Laptop, die Umstellung auf die digitale Welt erfolgte fließend. Seither recherchiert sie bevorzugt nachts. Es ist ihr nach wie vor wichtig, sich schreibend auszudrücken: „Ich bevorzuge Lyrik, damit kann ich meine Anliegen pointierter als in Prosa ausdrücken. Mir liegt noch einiges auf dem Herzen, worüber ich schreiben möchte.“ BI