Christa Dietrich

Kommentar

Christa Dietrich

Absagen, Alternativen und Exklusivprogramme

Kultur / 04.06.2020 • 06:30 Uhr

Einzelne Konzerte für jeweils 100 Besucher bietet die Wiener Staatsoper bis Ende Juni an. Bedeckt mit Mund- und Nasenschutz haben diese weit verteilt im großen Raum Platz zu nehmen und ihn nach den Liedervorträgen oder Konzerten von kleinen Ensembles auch umgehend wieder zu verlassen. Jeder versteht sofort: Mit dem eigentlichen Programm in diesem Haus hat das absolut nichts zu tun, aber ein hochsubventioniertes Unternehmen, das aufgrund der verordneten Schließung seit Mitte März enorme Einnahmenverluste verkraften muss, kann ein solches Angebot irgendwie realisieren. Die Ticketpreise für die Liederabende mit namhaften Interpreten sind mit 100 Euro allerdings so ausgelegt, dass die Teilhabe ohnehin nur einem besonderen Klientel möglich ist. Dem Fußvolk bleibt wiederum das, was in Zeiten des absoluten Covid19-Lockdowns Usus war, die Abende gibt es zum Streamen. Ob das eine Werbung für das Haus ist, das sich unter der neuen Leitung von Bogdan Roscic breiteren Publikumsschichten öffnen wollte, sei dahingestellt. Noch wissen wir aber ohnehin nicht, was zu Saisonbeginn im Herbst alles möglich ist, bzw. was Covid19 und vor allem was die Bundesregierung mit uns vorhat, die vor wenigen Wochen noch bis Ende Juni jegliche Kulturveranstaltungen verboten hatte.

Die unzulänglich oder erst gar nicht kommunizierten Auflagen im Rahmen der Lockerungen bzw. das Übersehen einer Branche mit Hunderttausenden Arbeitsplätzen, die für Bildung, Ausgleich und Sinnstiftung sorgt und dem Land zudem Milliarden einbringt, haften dem auch für die Kultur zuständigen Vizekanzler Werner Kogler als schwerer Fehler an. Da kann sich seine neue Staatssekretärin Andrea Mayer noch so sehr ins Zeug legen.

Wer genau hinsieht, für den hat das, was die Salzburger Festspiele erst einmal vage als Alternative für das an sich geplante riesige Programm in Aussicht gestellt haben, mit Festspielen, wie wir sie kennen, so gut wie nichts zu tun. Den „Jedermann“ für ein jeweils exklusiv klein gehaltenes Publikum wird es geben, dazu Konzerte bzw. Musik und Literatur. An einer Oper wird gefeilt. Kenner wissen, wie klein die Auswahl ist, wenn kein Chor dabei sein darf. Man mag sich die Probleme eines Dirigenten zudem kaum vorstellen, der für einen guten Klang zu sorgen hat, während die Orchestermusiker Abstand zueinander wahren. Die Salzburger Festspiele feiern heuer ihr 100-Jahr-Jubiläum, ein Sonderbudget wurde dafür genehmigt, das Wort Absage wird deshalb nicht direkt ausgesprochen, obwohl es eine ist. Von Insidern ist zu hören, dass den Verantwortlichen ganz schön die Federn gehen, weil kurzfristig notwendig werdende Änderungen des teuren Alternativprogramms angesichts der Pandemie nicht auszuschließen sind.

Die Bregenzer Festspiele haben mehr Mut. Wo Festspiele drauf steht, sollen auch Festspiele drin sein. Unter den neuen Auflagen sind „Rigoletto“ und Co. ausgeschlossen, somit kann man auch nicht von Bregenzer Festspielen sprechen. Dass man ein „Lebenszeichen“ plant, konnten die VN bereits berichten. Ein mehrtägiges Ereignis soll es werden. An einem seriösen Programm wird noch gearbeitet. Es kann, so darf man wohl annehmen, nicht einfach darin bestehen, Künstlern bzw. Musikern, die man ausladen musste, nun doch eine Auftrittsmöglichkeit zu geben. Zudem liegen die konkreten Bedingungen für Veranstaltungen im Sommer erst seit wenigen Tagen vor.

Wer in die Arlbergregion blickt, wird feststellen, dass auch kleine Veranstalter ihre Marke schützen. Das Lech-Classic-Festival musste ebenso abgesagt werden. Als „Special Edition“ bieten die privaten Organisatoren, wie berichtet, eine Konzertreihe in der Sporthalle an, das eigentliche Festival gibt es erst im nächsten Jahr.