Organist Günther Fetz: „Ich habe einfach ­konsequent mein Ding gemacht“

Kultur / 27.03.2020 • 22:28 Uhr
Organist Günther Fetz: „Ich habe einfach ­konsequent mein Ding gemacht“
Günther Fetz: „Improvisieren war für meine Musikerexistenz fast lebensnotwendig.“ JU

Nach unzähligen Auftritten im In- und Ausland wird der Vorarlberger Organist Günther Fetz erneut ins Konzertleben einsteigen.

LOCHAU Günther Fetz ist als Organist und Cembalist eine der prägendsten Musikerpersönlichkeiten Vorarlbergs und zugleich an großen Orgeln und in wichtigen Konzertsälen der Welt zu Hause. Er wird nun bei einem Projektkonzert in Schoppernau den Orgelpart seiner „Missa Lindaviensis“ übernehmen.

Wie fühlen Sie sich momentan in einer Zeit, da die ganze Welt die Notbremse zieht?

Ich getraue mich kaum, es zu sagen: Aber trotz aller Tragik und Traurigkeit wegen des vielen Leids und der Probleme zahlreicher Menschen fühle ich mich gut. Dieses Innehalten, diese Entschleunigung, dieses Wegfallen von so viel oberflächlichem Getue, diese Ruhe – das kann einen doch wieder mehr zu sich selbst bringen und dem, was wirklich von Bedeutung ist.

Hat man Ihnen nicht schon von Kindesbeinen an beigebracht, Musiker sei nichts Gescheites, ein Hungerleiderberuf?

Schon, aber nicht so gravierend. Mir war das sowieso wurscht, ich habe einfach konsequent mein Ding gemacht.

An der Orgel haben Sie sich ein gewaltiges Repertoire aller Bereiche angeeignet. Zuletzt war die Improvisation Ihre Spezialität.

Improvisieren war schon immer für meine Musikerexistenz fast lebensnotwendig – „gerate es, wie es wolle“, um ein historisches Zitat zu bemühen. Das spontane und trotzdem aus dem gesamten angesammelten Musikfundus schöpfende Musizieren scheint meiner Veranlagung zu entsprechen und ist auch ein herrlicher Ausgleich zum stundenlangen Üben „seriöser“ Literatur. Das Dionysische dabei: Ohne diesen Aspekt möchte ich gar nicht leben und schon gar nicht musizieren . . .

Beim Cembalo waren Sie stets auf der Suche nach dem idealen Instrument und haben Cembali gesammelt. Mit welchem Ergebnis?

Eine teure Sache, unterschiedlich erfolgreich, aber auch beglückend, mit dem Fazit, dass ich das voll und ganz für mich passende Instrument nicht gefunden habe. Vermutlich gibt es das nicht und meine Wünsche sind utopisch. Aber ich war nah dran.

Auf einem solchen Instrument haben Sie etwa 300 Mal den schwierigen Cembalopart in Bachs 5. Brandenburgischen Konzert gegeben. Haben da auch die Nerven stets mitgespielt?

Meistens, aber komisch: In einem berühmten Saal, wo man allen Grund hätte, nervös zu sein, ist man es nicht, in einem kleinen Nest mitunter schon. Was ist der Mensch doch für ein sonderbar‘ Wesen, sagt der Dichter.

Die Kritik hat Ihnen früh bescheinigt, dass Ihr Spiel auf Cembalo und Orgel bei aller Korrektheit niemals lehrmeisterlich wirkt, sondern stets auch musikantisch. Gab es Vorbilder?

Natürlich gab und gibt es Musiker, die mich sehr berühren und wohl auch beeinflusst haben, z. B. Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt, mein Lehrer Eduard Müller in Basel und nicht zuletzt viele meiner Musizierpartner. Andere Improvisatoren habe ich zum Teil bewundert, aber es gab keine Vorbilder, da für mich die Improvisation etwas ganz Persönliches ist.

In welcher stilistischen Ausrichtung waren Sie damals mit Ihren Bachsolisten unterwegs?

Wir bemühten uns zwar sehr um die originale Spielweise, den letzten Schritt zu Originalinstrumenten machten wir nicht, weil wir so fantastische Musiker und Menschen wie den Flötisten Günter Rumpel und den Oboisten Hans Elhorst nicht verlieren wollten. Die Streicher mit Konzertmeisterin Andrea Bischof und meiner Tochter Editha mit ihrer fundierten Kenntnis der alten Spielweise klangen auf Violinen mit Darmsaiten und alten Bögen fast wie Originalinstrumente. Für unsere Auftritte in großen Sälen war das sinnvoller und ehrlicher.

Seit 1992 sind Sie mit Ihrem eigenen Label „edition clarino“ auch als Verleger tätig. Stand da auch die Absicht dahinter, Ihr eigenes Können für die Nachwelt zu dokumentieren?

Klar, wohl jeder bastelt gerne an seinem Ego. Im Vordergrund standen aber, ganz ehrlich, andere Dinge: Unabhängigkeit in der Werkauswahl, Befriedigung meines verdammten Perfektionsmus mit den Möglichkeiten eines modernen Aufnahmestudios, Umgehung der ewigen Litaneien anderer Verlage: „Das lässt sich nicht verkaufen!“ Und es ging gut mit den Umsätzen dank internationaler Vertriebe und unkonventioneller anderer Verkaufsschienen.

In letzter Zeit befassen Sie sich auch mit medizinisch-wissenschaftlicher Forschungs-Literatur zur Zukunft der Menschheit. Was bringt einem das gerade in einer solchen Zeit?

Das ist nur ein Aspekt unter vielen. Eben lese ich wieder Goethes „Italienische Reise“, eine wunderbare Lektüre gerade jetzt. Wie hat er sich von der Kunst verändern lassen, wie bemühte er sich und welche Gewinne zog er aus den großen geistigen Leistungen der Menschheit für seine eigene Entwicklung. Es gibt so viele tolle Bücher aus den verschiedensten Bereichen – ein Angebot, das man gerade in Coronazeiten vermehrt annehmen sollte.

Sie haben auch Ihre 2010 für das Lindauer Vokalensemble entstandene „Missa Lindaviensis“ wieder hervorgeholt und deren Orgelpart übernommen, mit welchem Gefühl?

Ich freue mich einfach auf die Aufführung und hoffe, dass die Sängerinnen und Sänger wegen der Schwierigkeiten nicht allzu sauer auf mich sind. Fritz Jurmann

Zur Person

Geboren 19. April 1937 in Bregenz

Laufbahn Seit 1957 freischaffender Musiker und Komponist; ab 1966 Cembalist im Barockensemble Adolf Scherbaum, ab 1969 Cembalo-Duo mit Rudolf Scheidegger, 1974 Gründung der Österreichischen Bachsolisten, seit 1977 Professor für Orgel und Cembalo am ehemaligen Konservatorium Bregenz, ab 1981 bis zur Pensionierung am Landeskonservatorium Feldkirch

Veröffentlichungen Ca. 50 LPs und CDs bei bekannten Labels und der eigenen „edition clarino“, Rundfunk- und Fernsehproduktionen

Familie verwitwet, zwei Kinder, fünf Enkel

Voraussichtlich 24. Mai, 17 Uhr, Pfarrkirche Schoppernau: „Missa Lindaviensis“ Günther Fetz, Orgel, Chor „Audite“ Au-Schoppernau, Leitung Manfred Bischof.