Der pädagogische Pionier

Sines Alge aus Lustenau (1847-1909).
Ihrem siebten Kind, das am 20. Mai 1847 geboren wurde, gaben die Lustenauer Eheleute Anna Maria Hämmerle und Franz Xaver Alge den ungewöhnlichen Namen Sines. Der Vater hatte nicht nur ein Faible für außergewöhnliche Namen, seine ganze Existenz unterschied sich von anderen Lustenauer Kleinbauern. Er hatte ein Jahr am Feldkircher Gymnasium zugebracht, musste aber aus Geldmangel zurück in die Dorfschule. Aufklärung durch Bildung sollte aber sein ganzes späteres Leben bestimmen. Er fungierte als liberaler Gemeinderat, unterhielt eine Lesestube, engagierte sich als Schweinezüchter und war seinen Nachbarn als Winkeladvokat behilflich. Wie bei anderen freisinnigen, religiös eher indifferenten Männern auch, war Frau Alge eine fromme Hausmutter geblieben. Als ihr Sohn in St. Gallen zur Schule ging, schrieb sie ihm, dass sie alle Tage für ihn bete, obwohl der Vater sage, dass das nichts nütze.
Während seines ganzen Bildungsweges und Berufslebens hat sich Sines Alge denn auch mehr auf die väterlich favorisierten Tugenden wie Strebsamkeit und Verstand verlassen, ohne die von der Mutter vorgelebte Zurückhaltung abzulegen. „Sucht euch in Bescheidenheit nützlich zu machen“, riet Alges Schwester Cölestina im Abschiedsbrief ihren Kindern. Das galt auch für ihren Bruder.
Nach fünf Jahren in der Dorfschule besuchte Sines Alge die private Realschule im schweizerischen Au. Um diesen Schulbesuch finanzieren zu können, übernahm der aufgeweckte Bub unterschiedlichste Arbeiten in Landwirtschaft und Gewerbe sowie Botengänge auf seinem Schulweg. Nachdem er täglich über den Rhein verkehrte, gehörten auch kleinere Schmuggeldienste zu seinen Einnahmequellen. Im Jahr 1860 wechselte der talentierte Schüler an die Kantonsschule St. Gallen, wo er den ersten Teil einer Lehrerausbildung absolvierte. Bereits 1863 gründete der erst sechzehnjährige Alge mit Unterstützung der liberalen Gemeindevorstehung eine Realschule in seiner Heimatgemeinde Lustenau. Nach städtischem Vorbild animierte er zugleich etliche Bürgerinnen und Bürger zur Bildung eines Lesevereins. Auch für einen Theaterverein fand er Mitstreiter. All diese Aktivitäten wurden von der örtlichen Geistlichkeit heftig abgelehnt. Zudem erhob er als Gewährsmann für Josef von Bergmann, der eine Beschreibung der Vorarlberger Dialektlandschaft herausgeben wollte, die Eigenheiten der Lustenauer Mundart. An den vielen Abenden, die er seinen Bildungsprojekten widmete, sei er – so ein Zeitgenosse, der Alges asketische und bescheidene Haltung im Gegensatz zu anderen Vereinsmeiern betonen wollte – mit einem einzigen Glas Most ausgekommen.

Als 1864 die katholisch-konservative Partei die Mehrheit in der Lustenauer Gemeindestube eroberte, wurden der Realschule auf der Stelle die finanziellen Zuwendungen gestrichen und die Schule damit nach nur einem Jahr zur Schließung gezwungen. Der aufklärerische Prophet war in der konservativen Heimat nicht mehr erwünscht. Daraufhin begab sich Sines Alge wiederum in die Schweiz, absolvierte zusätzlich die Lehrbefähigung für die naturwissenschaftlichen Fächer und erhielt schließlich eine ordentlich bezahlte Stelle als Lehrer an der Realschule von Necker, einer Ortschaft im St. Galler Hinterland. Nun erst willigte der Vater seiner Braut Anna Maria Alge, ein wohlbestallter Lustenauer Wirt, in die Ehe seiner Tochter mit dem Lehrer ein. In der nahegelegenen Toggenburger Gemeinde Oberhelfenswil erwarb Sines Alge das Bürgerrecht. In Österreich wurde er als Deserteur ausgeschrieben. Da er deshalb eine Verhaftung befürchten musste, holte er seine Braut am Hochzeitstag in der Mitte der neuen Brücke zwischen Lustenau und Au ab. Der Ehe entstammten vier Kinder, von denen Sohn Dr. Alfred Alge das pädagogische Erbe seines Vaters weiterführte.
1873 wechselte Alge an die Realschule von Gossau und fand 1880 seine endgültige Stelle an der Mädchenrealschule St. Gallen. Etliche Jahre amtierte er hier auch als Direktor, ehe er die Leitung zugunsten seiner Tätigkeit als Schulbuchautor zurücklegte. Da Schweizer Lehrer nicht konfessionslos sein durften, Alge aber nach seinen Lustenauer Erfahrungen und nach den Beschlüssen des 1. Vatikanischen Konzils zur katholischen Kirche auf Distanz gegangen war, traten er und seine Familie der altkatholischen Kirche bei. Das taten Liberale in etlichen europäischen Ländern, da sie die nun erlassenen Dogmen der Unfehlbarkeit und alleinigen obersten Rechtsbefugnis des Papstes ablehnten. Als Lehrer habe Alge stets harte Arbeit geleistet und gefordert, im Unterricht und im Austausch mit den Kollegen sei aber der Humor nie zu kurz gekommen. Diese Kombination habe seinen ausgezeichneten Ruf ausgemacht, wurde in einem Nachruf festgehalten.

Bereits als Schüler der Kantonsschule hatte Alge die Nützlichkeit der Stenografie kennen und schätzen gelernt. Ende der 1860er-Jahre kam es in der Schweiz zu einer Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der alten Steno-Schule und den Jungen, die für ein vereinfachtes System eintraten. 1870 kam die Toggenburger Sektion turnusmäßig in die Leitung der stenografischen Gesellschaft und Alge dadurch an die Spitze der Schweizer Stenografen. Er verstand es, die unterschiedlichen Gruppierungen zu einen und zweckmäßige Neuerungen in den Gesamtverband zu integrieren. Als Zentralpräsident und Redakteur der Verbandszeitschrift war sein Einfluss auf die Entwicklung der Stenografie wegweisend. Mit seinem „Lehrbuch der vereinfachten deutschen Stenographie“ setzte er auf Jahrzehnte hinaus die Maßstäbe für das System und die Didaktik der Kurzschrift. Bis zu seinem Tod erlebte das Lehrbuch 47 Auflagen. Ab etwa 1880 besorgten der Bundesstenograf Rudolf Schwarz und Alges Sohn die jeweiligen Neuauflagen.

Sines Alge selbst hatte sich mittlerweile einem neuen pädagogischen Feld zugewandt. In der Mädchenrealschule hatte er auch Französisch zu unterrichten und erkannte dabei die Rückständigkeit der Methode des Sprachunterrichts und die Untauglichkeit der Unterrichtsbehelfe. Was er nun anpackte und umsetzte, erwies sich als eine Lebensleistung, wie sie nur ein Mensch mit „unerschöpflichen geistigen und körperlichen Kräften“ erbringen konnte. Er war es, der den Fremdsprachenunterricht weit über die Schweiz hinaus total umkrempelte, ehe rückwärtsgewandte Pädagogen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das methodische Rad wieder zurückzudrehen versuchten. Für Alge und andere Reformer stand die Sprechfertigkeit im Zentrum des Erlernens einer fremden Sprache. Die Grammatik-Übersetzungs-Methodiker versuchten diesen Ansatz als „Parlieren“ herabzusetzen. Alges 1887 erstmals veröffentlichter „Leitfaden für den ersten Unterricht im Französischen“ markiert einen Meilenstein der modernen Sprachdidaktik. Als Grundlage für das Sprechen-Lernen dienten ihm die vier Jahreszeitbilder des Wiener Verlags Hölzel, die als Ausgangspunkt und Impuls für sprachliche Erkundungen und eigene Einsichten in unterschiedlichen Fächern geschaffen worden waren. Nach den Bildern kamen literarische Texte als Gesprächsanlass und Kenntniserweiterung zum Einsatz. Seinen methodischen Ansatz und die Ziele seines Sprachunterrichts erklärte Alge in zahlreichen Aufsätzen in pädagogischen Zeitschriften. Sein hauptsächlicher Einsatz gehörte aber der Erstellung von Sprachlehrmitteln. 1897 erschien erstmals Alges „Leitfaden für den ersten Unterricht im Deutschen“ und fand gleich in ganz Europa Verbreitung. Von beiden Büchern gab es Editionen in mehreren Auflagen für die englischsprachigen Länder. Sines Alge hat seine Methode und seine Lehrmittel nicht nur in Berlin und London vorgestellt, sondern auch in einer denkwürdigen Veranstaltung des Vorarlberger Lehrervereins in Dornbirn. „Herrn Alge blieb es vorbehalten“, schrieb ein Teilnehmer, „mit seinen eingehendsten Erläuterungen die schöne Seite dieses neuen Lehrverfahrens uns vorzuzeigen, und er hat uns kuriert.“

Er selber hatte sich aber durch seine rastlose Tätigkeit übernommen. Ab 1902 zwangen zunehmende Lähmungserscheinungen den ehemals „baumstarken“ Mann in den Rollstuhl. Von 1904 bis zu seinem Tod war er „der freien Bewegung und des Sprachvermögens beraubt“. Am 18. Dezember 1909 wurde er von seinem langen Leiden erlöst. Seine Gattin hatte ihn bis zum letzten Tag gepflegt. Alges langjähriger Lehrerkollege Josef Kuoni hat dem außergewöhnlichen, in Tat und Schrift bewährten Pädagogen ein „Lebensbild“ gewidmet, aus dem auch hier geschöpft werden konnte. Sines Alge, so sein Biograf Kuoni, war ein überzeugter Schweizer geworden, aber immer ein Lustenauer geblieben.