Eine kleine Geschichte, in der alles steckt

Kunst im öffentlichen Raum hat selten so viel zu sagen wie die KUB-Billboards von Raphaela Vogel.
Bregenz Da will also ein kleines Mädchen seiner Mutter zu Weihnachten ein Geschenk machen, doch es klappt nicht, weil es dazu einen Kassettenrekorder braucht, der wiederum samt Kassette von der Mutter oder zumindest von einem Erwachsenen beschafft werden müsste. Mit einer Malerei oder einer Bastelarbeit will es dann nicht so recht klappen, weil die Zeit für das vorgenommene Projekt zu knapp wird oder zu viel Schmutz entsteht, aber Raphaela Vogel hat alles aufgeschrieben. Die intuitiv gefasste Idee davon, was sie der Mutter schenken möchte, das Scheitern an den Gegebenheiten, das, was ihr daraufhin als Alternative einfällt – das alles ergibt eine Geschichte, die in einem Heft in schöner Kinderschrift mit Fehlern und kleinen Korrekturen notiert wurde. Aus der Betrachterperspektive wird dieses Heft zu einem sehr berührenden Dokument, zu einem echten Geschenk. Auf den Billboards aufgelistet, dieser wichtigen Ausstellungsplattform des Kunsthaus Bregenz, die sich im öffentlichen Raum an der Bregenzer Bahnhofstraße entlangzieht, wird das Heft zum Kunstwerk, das viel zu erzählen hat. Von einer Mutter-Tochter-Beziehung, von der Tradition des Beschenkens, von der Kreativität an sich, vom künstlerischen Schaffensprozess, vom Scheitern und Verwerfen einer Idee und vom Weitermachen.
Ergänzung zum Kunsthaus
Man will annehmen, dass sich das alles so zugetragen hat im Jahr 1997, als die in Nürnberg geborene Künstlerin neun Jahre alt war. Mag ein noch so eindrucksvolles Bild von einem Kind beigegeben sein, das seinen Willen gerade behauptet, absolut sicher sein können wir uns nicht. So klug wie Raphaela Vogel theoretische Überlegungen zum Kunstschaffen in ihre Werke integriert, könnte auch dieses „Weihnachtsgeschenk“ mit all seinen Details erst vor Ort entstanden sein. Wie auch immer, die deutsche Künstlerin hat, wie berichtet (VN vom 18. Oktober), mit ihrer Ausstellung unter dem Titel „Bellend bin ich aufgewacht“ das Kunsthaus mit Installationen und Videoarbeiten exzellent bewältigt. Die Arbeit an den Billboards erweist sich als Kunst im öffentlichen Raum, die uns sehr nahegeht und die zugleich kluge Fragen zur Funktion von Kunst aufwirft, die für jedermann frei zugänglich ist. Selten hatte ein Werk an dieser Stelle, die seit Jahrzehnten für Kunst reserviert ist, so viel zu sagen gehabt wie dieses. Den Passanten ist Innehalten anzuraten und nach dem Durchlesen des Textes begibt man sich am besten zum KUB, wo sich die Auseinandersetzung mit den Arbeiten auch mehrmals lohnt.
Die Ausstellung “Bellend bin ich aufgewacht” von Raphaela Vogel im KUB sowie die Billboards sind noch bis 6. Jänner zu sehen.





