Ein neuer “Schubert unserer Zeit”

Kultur / 26.08.2019 • 08:00 Uhr
Ein neuer  "Schubert unserer Zeit"
Die Sonntagsmatinee im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg enthielt Überraschungen. SCHUBERTIADE

Das Schubertiade-Publikum feierte das Oktett von Jörg Widmann kaum weniger als jenes von Schubert.

SCHWARZENBERG  Der Sommer beginnt sich zu verabschieden, die Herbst-Schubertiade zieht  im Bregenzerwald ein.  20 bestens gebuchte Konzerte, einige davon mit langen Wartelisten, und ein Meisterkonzert mit Liedlegende Edith Mathis lassen in dieser Woche einiges an Höhepunkten und Überraschungen erwarten. Die erste davon erfolgte bereits bei der Sonntagsmatinee. Dort ist das als relativ konservativ bekannte Schubertiade-Publikum in Sachen Neue Musik einmal deutlich über seinen Schatten gesprungen und hat ein unbekanntes Oktett des deutschen Komponisten Jörg Widmann kaum weniger goutiert als zuvor das berühmte von Franz Schubert.

Die beiden Werke sind eng miteinander verknüpft, durch dieselbe Besetzung mit drei Bläsern und Streichquintett, durch den gemeinsamen Geist, der sie verbindet. Widmann hat sein Stück bei aller Eigenständigkeit der Tonsprache ja auch in großer Verehrung für Schubert und dessen F-Dur-Oktett als „zentralen Bezugspunkt“ geschrieben. Zunächst glänzt er im Konzert aber in seiner eigentlichen Profession als namhafter Klarinettist, lässt bereits bei Schubert und später in seinem eigenen Werk durch seelenvolle Kantilenen aufhorchen. Zusammen mit seiner Schwester, der hier bekannten hervorragenden Geigerin Carolin Widmann, hat er auch diese spezielle Besetzung junger Kollegen im Geiste Schuberts sowie Urgestein Alois Posch am Kontrabass zu einem Ensemble zusammengetrommelt, das hier wie dort exzellent bestehen kann.

Ovationen

Auf diesem Niveau wird zunächst Schuberts Oktett mustergültig und makellos musiziert, in einer besonders feinsinnigen Deutung, wie man sie auch hier selten hört, niemals laut und vordergründig, dafür erfüllt von einer glühenden inneren Spannung.  Dazu geben die vielen exponierten, exzellent dargebotenen Solostellen jedem Einzelnen Raum zu persönlicher Entfaltung. Die Musiker lassen auch die revolutionäre Gesinnung deutlich werden, mit dem Schubert in diesem Werk den Geist des Divertimentos im 18. Jahrhundert auf eine neue Stufe gestellt hat. Auf seinem „Weg zur großen Sinfonie“ hat er dabei besonderen Wert auf die kammermusikalische Rafinesse zwischen Bläsern und Streichern gelegt. Standing Ovations bereits zur Pause.

Mit derselben Abwechslung von kammermusikalisch-intimer und orchestral-großflächiger Zeichnung stellt Jörg Widmann in seinem Werk einen direkten Bezug zu Schubert her. Sein Oktett entstand 2004 als Auftragswerk für das Dürener Kammermusikfest „Spannungen“, und solche werden auch zu einem zentralen Ausdrucksmittel seines Werkes. In einem Interview im Programmheft bezeichnet der Komponist sein Werk als „tonal“, was freilich in letzter Konsequenz so nicht stimmt. Es ist vielmehr das, was man fachlich eine Übermalung nennt, ein Sgraffito also, bei dem Schuberts tonales Original bruchstückhaft durchschimmert. Bestimmend ist jedoch die Tonsprache Widmanns, der sich dabei aller Möglichkeiten der aktuellen Musik bedient, wie obertonreicher Glissandi und Flageoletts im mikrotonalen Bereich, was der Musik einen irisierenden, zwielichtigen Anstrich verleiht und durchaus zu Schubert passt. Auch perkussive Geräusche am Kontrabass und Blasgeräusche mit der Klarinette gehören zu seinem Wortschatz und machen dieses Werk zu einem kaleidoskopartigen, durchaus bestechenden Stück Neuer Musik. Widmann vermeidet dabei peinlich jedes wörtliche Schubert-Zitat, bedient sich dafür aber in einem Scherzo in der Klangwelt von Mendelssohns „Sommernachtstraum“. Sanglichkeit, wie sie bei Schubert im Lied vorherrscht, ist auch bei Widmann oberste Maxime, freilich instrumental, und der augenfälligste Faktor als Verbindung zu Schubert. Die Schubertianer öffnen sich mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit diesen für manche von ihnen wohl ungewohnten Klängen und feiern den Komponisten Jörg Widmann als eine Art neuen „Schubert unserer Zeit“. Fritz Jurmann