“Ich bin eine Gerechtigkeitsfeministin”

Kultur / 12.04.2019 • 14:00 Uhr
Das Kunsthaus Bregenz präsentiert die erste große institutionelle Einzelausstellung der bekannten Schweizer Künstlerin Miriam Cahn in Österreich. Stiplovsek
Das Kunsthaus Bregenz präsentiert die erste große institutionelle Einzelausstellung der bekannten Schweizer Künstlerin Miriam Cahn in Österreich. Stiplovsek

“Entscheidend ist es, zu handeln”, sagt Miriam Cahn und lädt im Kunsthaus zum genauen Hinschauen.

Bregenz Wörtlich nehmen darf und sollte man jeden Menschen, alle Künstlerinnen und Künstler, die ihr Werk der Öffentlichkeit zugänglich machen. Bei Miriam Cahn gilt das im Besonderen. Mit „Das genaue Hinschauen“ ist ihre Ausstellung im Bregenzer Kunsthaus betitelt. Im Erdgeschoß des von Peter Zumthor geplanten Gebäudes klescht den Besuchern nicht ein Großformat entgegen. Einem Fries auf Augenhöhe gleich sind Kleinformate aneinandergereiht. Es sind Scans von nicht mehr in ihrer Sammlung befindlichen Arbeiten. Im Klartext: Die Originale sind längst verkauft. „Leihgaben sehen Sie hier keine“, erklärt die Künstlerin beim Rundgang vor der offiziellen Eröffnung am Freitagabend. Um etwas zu sehen, muss man nahe herantreten, was man sieht, offenbart mit dem Körperbewusstsein, der Sexualität und dem Aufbegehren gegen jegliche Unterdrückung vor allem ein zentrales Thema im OEuvre der Künstlerin, deren Werke zu den Highlights der sonst so kritisierten documenta des Jahres 2017 in Kassel zählten. Dass sie schon Jahrzehnte zuvor zur renommierten Weltkunstschau eingeladen wurde, wird als Aspekt in ihrem Werdegang immer wieder erwähnt. Als sich damals die Umstände nicht mehr mit den vorausgegangenen Absprachen deckten, brach Miriam Cahn die Präsenz einfach ab, um die sich andere Künstler – wie man das wohl sagen darf – reißen würden.

Keine Scheu

Im Kunsthaus, wo somit die erste große institutionelle Einzelausstellung ihrer Arbeiten in Österreich stattfindet (die man ruhig auch schon viel früher ausrichten hätte können), scheint alles glatt gelaufen zu sein. Dass Miriam Cahn (geb. 1949) streitbar ist, nimmt man als Beobachter begeistert zur Kenntnis, mit dem Errichter des „Kunsttempels“ wird sie sich am 26. Mai auseinandersetzen, um 11 Uhr steht dann ein Gespräch von Cahn und Zumthor auf dem KUB-Programm. Den Begriff profan ordnet sie ihren Arbeiten selbst zu, die Architektur stehe für das Sakrale. Beton mag sie, Betonwände in Kunsträumen nicht unbedingt, doch sie bewältigt sie mühelos, einmal liegen die in Serien zu den Themen Pflanzen, Tiere und Menschen angeordneten, rasch und in einem performativen Akt entstandenen Kreidezeichnungen am Boden, einmal verändern sie im Großformat den Raum. In diesem Fall ist das Trägermaterial aber auch Architektenpapier, auf dem sich Miriam Cahn mit Aufrüstung auseinandersetzte und mit männlichen und weiblichen Aktionsräumen. Man blickt auf ein Haus, ein Bett, Kriegsmaterial und Kriegsschiffe und ist dennoch sehr angetan von den sich wiederholenden Sujets, die zum Handeln auffordern und es dokumentieren. Den Begriff „Gerechtigkeitsfeministin“ lässt Cahn, wie sie im Gespräch mit den VN erläutert, für sich gelten, einer feministischen Kunst hätte man ihr Werk ohnehin nicht zugeordnet. Erstens ist der Begriff einfach zu platt, zweitens hat sich Cahn wohl als Einzelgängerin positioniert. Und das, obwohl sie mit den Arbeiten „L‘Origine du monde blickt zurück“ mit denen sie auf Courbets Gemälde eines entblößten weiblichen Unterkörpers aus dem Jahr 1866 reflektiert, Akte malt, wie man sie grundsätzlich nicht so selten findet. Dass sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wird hier allerdings unmittelbar spürbar. Die masturbierende Frau schaut ihren Betrachter an. Dass die Bilder die Kraft haben, uns auch Jahre nach den Masturbationsperformances von Künstlerinnen zu berühren, bestätigt die hohe Qualität der Kunst von Miriam Cahn. Wenn sie sich mit Gewalt auseinandersetzt, geschieht das auf demselben Level. Dem Mann, der sich beim Schlagen einer Frau erregt, wird eine Frau entgegengesetzt, die ihrerseits zurückschlägt. Nicht dass sie der Gewalt nicht Einhalt gebieten würde.

Im obersten Stockwerk blicken wir auf das Werk „Mare Nostrum“. Es zeigt leblose Körper, die im Meer versinken. Assoziationen zu humanitären Tragödien in der Gegenwart stellen sich sofort ein, die Betrachter sind gefordert. Das Bild ist in schönem Blau gehalten. Auch vor der Ambivalenz kennt Miriam Cahn keine Scheu.

Eröffnung der Ausstellung am 12. April, 19 Uhr, im Kunsthaus Bregenz, geöffnet bis 30. Juni, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do, 10 bis 20 Uhr: www.kunsthaus-bregenz.at