Handel und Wandel

Der Lebensmittelhandel steht in hartem Konkurrenzkampf. Eine beträchtliche Überversorgung mit Supermärkten ist die Folge, meist abseits der historischen Ortskerne. Das verbraucht Boden, zieht Kaufkraft und Leben aus den Dörfern und schädigt das Landschaftsbild. Es braucht andere Konzepte. Autor: Tobias Hagleitner | Fotos: Benno Hagleitner
ittelberg ist nach Riezlern und Hirschegg die letzte dörfliche Verdichtung im Kleinwalsertal mit einer gewissen Zentrumsfunktion für die umliegenden Siedlungsbereiche. Danach ist Talschluss, Bergesruh. Um als Ortskern für Einheimische wie Gäste attraktiv zu bleiben, war von der Gemeinde seit Längerem ein Nahversorgungsbetrieb gewünscht. Allerdings reihen sich in diesem Bereich entlang der Walserstraße Haus an Haus, Hotel an Hotel. Für den Platzbedarf eines Supermarkts mit zeitgemäßem Warenangebot schien kein ausreichend großes Grundstück vorhanden zu sein.
Die Architekten Nägele und Waibel entwickelten im Rahmen einer Vorstudie ein räumliches Konzept, mit dem sich das nötige Volumen passgenau einfügen ließ. Maximale Kompaktheit war angesagt. Immerhin galt es, 600 m2 Verkaufsfläche mit Zulieferung und Lager sowie eine kleine Gastronomie auf ebener Erde unterzubringen. Das ergibt eine Grundfläche weit über dem Durchschnitt der Umgebung. Die Planer suchten nach einer architektonischen Lösung, die den Maßstabssprung abfängt. Mit Rücksicht auf den Bestand sollte ein Gebäude entstehen, das sich bestmöglich ins Ensemble integriert: „Wir wollten, dass es ein Teil davon ist“, formuliert Architekt Elmar Nägele ein angenehm zurückhaltendes und demokratisches Verständnis von Architektur.
Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, waren einige planerische Kniffe nötig, aber auch Projektentwickler und Betreiber, die keine Scheu vor unkonventionellen Lösungen und Offenheit für die Bedürfnisse der Gemeinde zeigten. Den branchenüblichen Parkplatz vor der Tür spielt es aufgrund der knappen Raumreserven in Mittelberg nicht. Als Ersatz wurde eine zweigeschoßige Tiefgarage unter das Haus und bis an die Grundgrenze gepackt, wo nun die Autos von Kunden wie Feriengästen verschwinden. Dem Ortsbild tut das gut. Der Baukörper wurde von der Fahrbahn ein Stück abgerückt, sodass sich davor eine platzähnliche Situation ergibt. Die zeitgleich mit dem Neubau erfolgte, gelungene Umgestaltung des Straßenraums trägt viel zur beruhigten Atmosphäre und zur Aufenthaltsqualität in diesem Kernbereich des Dorfs bei.
„Eine flache Kiste wollten wir nicht“, erzählt Nägele von der Entwurfs-
phase. Vielmehr sollte sich das Gebäude ein Stück in die Höhe entwickeln, um statt des für Supermärkte üblichen Flachbaus ein richtiges Haus abzugeben. So entstand die Idee der gewerblich vermieteten Appartements. 19 an der Zahl sind die Maisonette-Wohnungen nacheinander aufgefädelt quer über das Erdgeschoß gelegt, mit einer Gangerschließung in der Mitte. Die massiven Wohnungstrennwände funktionieren als Träger und überspannen das gesamte Erdgeschoß von Wand zu Wand, sodass die 23 Meter breite Halle des Marktes darunter ganz ohne Stützen und mit geringer Decken-
höhe auskommt.
Und wie kam es zum rustikalen Fassadenvorhang aus Fichtenrundlingen? Zum einen spielen Regionalität und Tourismus eine Rolle: Obwohl vom Allerwelts-Alpenstil ziemlich bedroht, wurden die gestrickten Walser Blockbauten doch nicht ganz verdrängt und sind dort und da im Tal noch auszumachen. Es gab das Bedürfnis, einen Bezug zu diesen lokalen Bauformen herzustellen, was besonders von den Gästen erkannt und geschätzt wird. Die vorgehängte Hülle aus Fichtenstämmen hat zudem eine funktionale Komponente. Lebensmittel sind sonnenempfindlich. Dem wirkt der lockere Holzschirm entgegen, während er Blicke und Lichtstimmung dennoch ausreichend durchlässt. Aus bautypologischer Sicht wird das Gebäude mit dem hölzernen Strickkleid zum Stadel, also als Neben-
gebäude klassifiziert, was der dezenten Einbettung in die Nachbarschaft zugutekommt. Supermarkt und Stadel – das sind im Grund genommen ohnehin Verwandte. Beide gehören sie zur uralten Familie der Futterspeicher. Wie schön, wenn der Handel diese Beziehung künftig stärker ins Bewusstsein rückte. Unprätentiöse, platzsparende, nachhaltig konzipierte Bauten könnten so entstehen, bescheiden eingewoben in bestehende Bebauung, in nächster Nähe zum Bedarf.
Das Haus fügt sich in den Ortskern ein, die Mehrfachnutzung schafft Belebung und Verdichtung.

Dem Supermarkt ist ein kleiner Gastrobereich zugeordnet. Das Geschehen draußen lässt sich durch die vollflächige Verglasung aus nächster Nähe miterleben.

Selten ist die Decke einer Verkaufshalle so aufgeräumt. Dafür sorgen sorgfältige Licht- und Lüftungsplanung und das intelligente Tragwerk,
wodurch die Decke ohne
Stützen oder sichtbare
Träger auskommt.

Oben sind Schlafraum und Bad. Die Schlafzimmer sind als Galerieräume
ebenfalls über den Schopf belichtet, bei den Eck-
wohnungen (Bild) über
ein Fenster im Giebelfeld.

Decken und Wände
sind Sichtbeton. Nur bei der Frischetheke gibt es eine Besonderheit: Die mit Lehm verputzte Rückwand bringt Natürlichkeit und ländliches Ambiente in den Raum.

Einen Stock höher werden Feriengäste erwartet. Die Rezeption ist unprätentiös. Tisch und Bank erinnern an ein Wohnzimmer. Die Schiebewand aus Weißtanne verbirgt den nötigen Stauraum für die Geschäftsführung.

Die Fichtenrundlinge
lassen Licht und Luft durch und bieten doch Intimität. Für Gäste passt die bäuerliche Anmutung der Fassade zum urig-alpinen Urlaubs-
erlebnis.

Geschäftsführerin Silke führt die Neuankömmlinge in eine der Wohnungen. Der Raum ist perfekt genutzt, schlicht, aber hochwertig möbliert. Unter der Treppe die Küchenzeile, daneben der Wohnraum mit Schopf.

Gesamteindruck Die Bauform ist einfach und orts-typisch, ein giebelständiger Rechteckbau mit Satteldach. Die Hülle aus Baumstämmen relativiert die Größe. Der zurückhaltende Auftritt sorgt bei der Enge und Vielfalt an Gebäuden mitten im Ort für gute Nachbarschaft.

Traufseiten Die oberen Geschoße sind für Feriengäste da. Ein mittig liegender Gang erschließt die Wohnungen zu beiden Seiten. Die zweigeschoßigen Appartements werden jeweils über den vorgelagerten Schopf belichtet.

Gesicht Der Lebensmittelmarkt öffnet sich zur Straße, die sich eher wie ein Platz anfühlt. Möglich wurde das durch Abrücken aus der Straßenflucht und gutes Verkehrs-
design. Das Tor für die Anlieferung ist in die Fassade integriert.