93 Jahre nach Jungfernfahrt wieder auf der Oesterreich

HE_Brege / 08.09.2021 • 20:18 Uhr
Unglaubliche 93 Jahre nach der Jungfernfahrt war die 100 Jahre alte Ingeborg Greil (im Bild mit Tochter Arlette, Arnulf Dieth und Jürgen Zimmermann) wieder auf der Oesterreich. STP/2

Mit diesem ganz speziellen Gast auf dem stolzen Schiff konnte niemand rechnen.

Hard Am 29. Juli 1928 legte das erste große Motorschiff auf dem Bodensee – die MS Oesterreich – zu ihrer Jungfernfahrt ab. Mit an Bord die siebenjährige Ingeborg Hermann aus Bregenz. Jetzt kehrte sie wieder an Bord des historischen Schiffes zurück, um mit Jürgen Zimmermann und Arnulf Dieth in Erinnerungen zu schwelgen. Ihre Familie hatte ihr diesen Besuch als Geburtstagsüberraschung geschenkt – Anfang Juni zu ihrem runden 100er.

Bewegender Moment

Eingefädelt haben diesen Besuch auf der Oesterreich Martin und Marlies Bilgeri aus Hard. „Unsere Mama war eine Cousine der Jubilarin – und wir hatten die Idee für dieses besondere Geschenk“, verrät der Harder, der das nostalgische Treffen organisierte. An einem wunderschönen Spätsommertag war es dann so weit: In Begleitung von Verwandten und Familienangehörigen – Tochter Arlette war eigens aus Hamburg angereist – kam sie an Bord. Sichtlich bewegt, denn das stolze Schiff war ein stetiger Begleiter ihrer Kinder- und Jugendtage.

Vor der Haustüre

„Meine Eltern haben damals in der Bregenzer Schillerstraße gewohnt, der Hafen und das Trockendock, in dem die Oesterreich gebaut wurde, lag praktisch vor der Haustüre und wir haben damals viele Ausflüge – auch per Schiff auf dem Bodensee – gemacht. Irgendwie hat mein Vater dank seiner Kontakte zur Schifffahrt eine Einladung zur Jungfernfahrt bekommen und ich durfte mit“, erzählt sie ihren staunenden Zuhörern über das damalige besondere Erlebnis. Und die Gastgeber staunen nicht nur über ihr erstaunlich funktionierendes Erinnerungsvermögen, sondern auch über ihre Rüstigkeit. Sie meistert ihren Alltag noch fast zur Gänze allein und auch die Stiegen auf dem Schiff sind für sie kein Problem. „Wenn man es nicht besser wüsste – 100 Jahre würde man ihr nicht geben …“, staunt nicht nur Jürgen Zimmermann. Dazu legt die Jubilarin noch einen Grund zum Schmunzeln nach: „Der älteste meiner drei Söhne ist nicht mitgekommen. Es war ihm zu anstrengend – er ist ja schon 80.“

Wollte nicht unhöflich sein

Die Führung durch das Schiff beeindruckt sie – auch der Maschinenraum. Anders als vor 93 Jahren zeigt sie diesmal großes Interesse. „Damals“, meinte sie schmunzelnd, „wollte ich nicht unhöflich sein und habe nur so getan, als würde mich das alles interessieren.“ Nicht nur den Maschinenraum findet sie interessanter als damals, auch die Salons erscheinen ihr viel schöner als sie in Erinnerung hatte. Tochter Arlette bringt es auf den Punkt: „Wenn ich nicht schon lange verheiratet wäre – ich würde hier Hochzeit feiern.“

Spannende Erinnerungen

Für die Führung und das von Jürgen Zimmermann und Arnulf Dieth mit einer speziellen Widmung versehene Oesterreich-Buch bedankte sich die Jubilarin mit Erinnerungen aus ihrem langen Leben. Wie sie sich als 17-Jährige weigerte, beim Einmarsch deutscher Truppen 1938 die Hakenkreuzfahne zu grüßen und dafür von einem SA-Mann eine Ohrfeige kassierte. Das habe sie geprägt und dazu geführt, dass sie sich ein Leben lang gegen solche Ideologie und Ungerechtigkeit eingesetzt habe, auch wenn dies in dieser Zeit oft lebensgefährlich war. Wie sie ihren Berliner Gatten Heinz Greil, der damals Verwandte in Vorarlberg besuchte, kennengelernt hat. Oder wie er ihr schon bei der ersten Verabredung einen Heiratsantrag machte und sie dann nach Berlin übersiedelten, wo sie 1941 heirateten. Zweimal war sie bei Bombenangriffen auf Berlin unter zusammenstürzenden Häusern verschüttet worden und konnte wie durch ein Wunder gerettet werden. Einmal war ihr Gatte unter den Helfern, die mit bloßen Händen die Trümmer wegräumten und sie bergen konnten. Als dann ihr Wohnhaus im Bombenhagel zerstört wurde, floh sie vorübergehend in ihre Heimat und wohnte in Hard, ehe es in ihre heutige Heimat in Schwäbisch Gmünd rund 50 Kilometer östlich von Stuttgart ging. Dort konnte ihr Gatte bei einem renommierten Unternehmen seine Karriere starten. Man könnte ihr stundenlang zuhören, doch nach über zwei Stunden Aufenthalt auf der Oesterreich mahnten ihre Begleiter zum Aufbruch – „das Mittagessen wartet“.

Karten für Konzert schon gekauft

Aber wer weiß – vielleicht kommt sie noch einmal in ihre alte Heimat und an Bord, denn mit unerschütterlichem Optimismus hat sie ihrer Gmünder Heimatzeitung verraten, dass sie als „ältester Fan“ der Popband „Frontmen“ schon mehrere Konzerte besucht hat. Nach langer Corona-Pause hofft sie jetzt auf das nächste Konzert im kommenden Jahr. „Die Karten sind schon da, und so lange halte ich auf jeden Fall durch.“ STP

Die neue Oesterreich-Bilddokumentation weckte viele Erinnerungen.