Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Dialog

Gesund / 03.12.2021 • 11:18 Uhr

Es war ein Sonntag und ziemlich kalt. Mit zig anderen stand ich in einer langen Schlange vor der im Festspielhaus untergebrachten Teststation, als plötzlich Menschenmassen auftauchten. Sie schienen aus allen Ecken des Geländes zu kommen. Den Tröten, Transparenten und Parolen nach zu urteilen waren sie auf dem Weg zu einer Demonstration gegen die Coronamaßnahmen. Für uns Wartende hatten einige nur ein müdes Grinsen übrig. Am Rande des Auflaufs waren zwei Männer, der eine noch jung, der andere schon betagt, in eine, wie es schien, angeregte Diskussion verstrickt. Der Jüngere gestikulierte, sein Gegenüber blieb gelassen. Die Ruhe des Alters, dachte ich bei mir. Viel vom Gespräch war bei dem Lärm nicht zu verstehen, aber einzelne Wortfetzen schwappten doch ab und an herüber.

Angekommen und hängengeblieben sind zwei Sätze. „Das tun wir doch auch für euch“, rechtfertigte sich der Jüngere. Der Ältere konterte trocken: „Wenn ihr etwas für uns tun wollt, dann lasst euch impfen.“ Er sagte es freundlich und ohne anklagend zu wirken. Der Jüngere schien im ersten Moment etwas perplex, dann eilte er ohne ein weiteres Wort den anderen Demoteilnehmern hinterher. Ob diese schlichte Feststellung angekommen ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie den Jüngeren zumindest zum Nachdenken angeregt. Allein schon, dass es zu einem Gespräch zwischen diesen so unterschiedlichen Menschen gekommen ist, lässt hoffen, dass es noch die Fähigkeit zum Dialog gibt. Wir müssen ihn nur wollen, aber das gilt für beide Seiten, denn für einen Dialog braucht es immer zwei und vor allem die Bereitschaft dazu.

Marlies Mohr

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