Die Menschwerdung

Gesund / 22.12.2016 • 22:23 Uhr

Unter den Hirten der Heiligen Nacht da gab es einen, der war anders: Kein gutmütiger Beschützer, kein einfacher Knecht, kein friedlicher Schäfer, nicht Freund von Mensch und Tier. Er war verschlossen, abweisend, unheimlich, kalt. Nie hielt er sich bei den anderen auf, nie erzählte er von sich. Sie fürchteten ihn mehr als sie ihn mochten, er war nicht geschätzt, nur geduldet, mehr aus Angst denn aus Mitleid.

Seine Arbeit machte er verlässlich, aber ohne Herz. Wurden Hirten oder Herde angegriffen, reagierte er brutal und gnadenlos. Musste ein Tier getötet werden, erledigte er dies ohne Skrupel. Er war der Mann für das Grobe und Grausame. Keiner wusste, woher er kam und wohin er wollte. Ein einsamer Wolf, um den sich düstere Gerüchte rankten. Er sei ohne Vater und Mutter aufgewachsen, sei Söldner gewesen, habe viele Zeit im Gefängnis verbracht. Noch nie habe man bei ihm eine Gefühlsregung gesehen, weder Freude noch Trauer. Wenn er als Kind vor Schmerz geschrien und vor Zorn gebrüllt habe, sei nie eine Träne geflossen. Er könne nicht einmal weinen. Eigentlich sei er gar kein Mensch.

Als das Heer der Engel erschien, fürchtete sich der sonderliche Hirte nicht im geringsten. Sofort griff er zur Waffe und wollte gegen die Himmelsgeister kämpfen. Denen, die zum Stall eilten, schloss er sich an, nicht aus Ergriffenheit oder Freude, schon gar nicht, um eine Gabe zu bringen oder jemanden anzubeten. Vielleicht warteten Feinde, vielleicht konnte er wieder einmal zuschlagen. Aber er fand etwas anderes, ein neugeborenes Kind, das in seiner Schwäche das wahre Leben war, eine Mutter, die trotz aller Erschöpfung nur Liebe ausströmte. Und einen jungen Mann, der in der verzweifelten Situation zum väterlichen Beschützer geworden war.

Da spürte der Hirte in sich etwas, von dem er bis dahin nicht einmal wusste, dass es das gab: Ein nie gekanntes Gefühl: wie Wärme – und doch voll Schmerz, wie Weichheit – und trotzdem ein Weh, wie Fühlen im anderen – wie Mitleiden. Und es geschah eine zweite Menschwerdung: Nachdem Gott aus lichtem Himmel hinab zu den Menschen gekommen war, stieg einer aus tiefer Kälte zu ihnen auf: In den Augen des Hirten verschwamm das Bild der Familie, er tastete nach der Hand seines Nächsten – und über seine Wangen rannen plötzlich Tränen.