Letzter Wille
Sie ist gegangen, hat es einfach über sich ergehen lassen. Sie empfand es vermutlich an der Zeit, dieser Welt und dem Leben den Rücken zu kehren. Einem Leben und einer Welt, die es mit anderen oft besser meinte als mit ihr. Sie hat trotzdem kaum geklagt. Nur zuletzt, da haderte sie bisweilen mit dem Schicksal und fragte: „Warum das auch noch?“.
Ihrem Gegenüber fehlte es meist an den passenden Antworten. Was sollte es auch sagen. Dass schon alles wieder gut wird? Dass sie nur Geduld haben muss? Es wäre verlogen gewesen, verlogener als das Schweigen. Sie wusste das und erwartete vermutlich keine Erklärung. Stattdessen lag sie still in ihrem Bett, lauschte dem Summen der Vorrichtung, die den müde gewordenen Körper sanft veränderte, und betrachtete die zarte goldene Uhr an dem schmal gewordenen Handgelenk. Ob sie dachte, dass ihre Zeit abläuft? Egal, wie sehr sie sich dagegen aufbäumen würde?
Es gibt Menschen, sagt der Volksmund, die lassen nichts aus. Die stehen immer in der ersten Reihe, wenn das Schicksal etwas zu verteilen hat. Egal, was es ist. Sie zähle wohl auch dazu, meinte sie lächelnd, wenn wieder einmal Unbill über sie hereinbrach. Doch sie gehörte einer Generation an, die das Überleben lernen musste. Sie lebte mit dieser Kraft bis zum Schluss. Sie hat ihre Gedanken keinem verraten. Sie hat nur wieder gelächelt, wohlwissend, dass ihr das Schicksal, das Leben, die Welt jetzt nichts mehr anhaben können. Mit dem letzten, ihrem eigenen Willen hat sie alle besiegt.
marlies.mohr@vorarlbergernachrichten.at
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