Keiner, der sich biegen lässt

Extra / 09.11.2017 • 19:48 Uhr
Wenn Wolfgang Bosbach über Europa, Werte und Gesellschaft spricht, dann sind seine Botschaften unmissverständlich.
Wenn Wolfgang Bosbach über Europa, Werte und Gesellschaft spricht, dann sind seine Botschaften unmissverständlich.

Politik-Veteran Wolfgang Bosbach warnt vor einem Auseinanderbrechen Europas.

Bregenz Seine Positionen sind klar und lassen sich nicht aufweichen. Wenn Wolfgang Bosbach, so wie beim  Vorarlberger Wirtschaftsforum, über Europa, über Solidarität, über Werte und Gesellschaft spricht, dann sind seine Botschaften unmissverständlich.

Europa sieht der langjährige, wertkonservative CDU-Politiker in einer bedrohlichen Situation. „Die Fliehkräfte werden stärker. Wir sehen das am Beispiel Großbritannien, aber auch an Katalonien und Norditalien. Nach der Brexit-Entscheidung wird es mit den Briten hammerharte Verhandlungen geben. Es muss dort letztlich der Unterschied klar erkennbar werden, ob jemand mit allen Rechten in der EU ist oder nicht. Draußen sein und die Vorteile der Union in Anspruch nehmen, darf es nicht geben.“ Der jetzt aus dem Bundestag scheidende ehemalige Vorsitzende des Innenausschusses glaubt nicht, „dass die Briten heute noch einmal für einen Austritt aus der europäischen Gemeinschaft stimmen würden.“

Ins Visier nahm Bosbach auch Russland im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ukraine. „Zum ersten Mal nach dem Krieg hat es in Europa Grenzveränderungen durch Waffengewalt gegeben. Wenn das toleriert wird, bleiben solche Vorfälle nicht einzigartig.“ Bosbach spricht sich einerseits für ein starkes Europa aus, das aber anderseits nicht überreguliert wird. Ganz klar äußerte sich der 65-Jährige auch zum Thema Türkei und EU. „Es wäre falsch, die Türkei zu einem EU-Mitglied zu machen.“ Bosbach hatte Merkel vor allem während der Flüchtlingskrise heftig kritisiert.

Auch Platz für Humor

Frieden und Wohlstand, so glaubt Bosbach, seien heute in Europa so selbstverständlich geworden, dass man diese Errungenschaften auf dem Kontinent nicht mehr schätze. „Ich kenne noch die Zeiten, als wir in den Kriegsruinen gespielt haben. Es ist natürlich nachvollziehbar, dass sich junge Leute heute so etwas nicht mehr vorstellen können.“

Beim Thema Wohlfahrtsstaat vertritt Bosbach die Meinung, dass sich die Sozialleistungen an der Wirtschaftskraft eines Landes orientieren müssen und nicht umgekehrt. „Man kann nicht Leistungen einfordern, die nicht zu finanzieren sind“, gilt für den dreifachen Vater, der als gelernter Einzelhandelskaufmann auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machte und Jus studierte, eine einfache Rechnung.

Als ein Mann, „der 40 Jahre offline war“, fordert Bosbach die wirtschaftlich relevanten Kräfte auf, den Anschluss an die digitalen Entwicklungen ja nicht zu verlieren. „Es gibt nicht mehr die reale Welt einerseits und die virtuelle anderseits. Es ist alles eine Welt, in der wir uns behaupten müssen“, präzisierte der aus Bergisch-Gladbach stammende Jurist im VN-Interview.

In seinem Vortrag präsentierte sich Bosbach als pointierter Redner, in dessen Vorträgen Witz und Humor jedoch auch nicht zu kurz kommen. Warum er in deutschen Talkshows ein stets gern gesehener Diskussionsgast ist? Bosbach: „Ich glaube, dass ich die Dinge, zu denen ich stehe, eindeutig anspreche. In einer Sprache, die jeder versteht.“

Künftig will der pensionierte Politiker arbeitsmäßig leisertreten. „Ich bin gesundheitlich angeschlagen. Bis Ostern kommendes Jahr ist mein Terminkalender noch voll. Danach möchte ich mein Pensum deutlich reduzieren.“

Zur Person

Wolfgang Bosbach
Wolfgang Bosbach ist gelernter Einzelhandelskaufmann, der auf den zweiten Bildungsweg Abitur machte und sich zum Rechtsanwalt ausbildete. Als CDU-Politiker zog er 1994 in den deutschen Bundestag. Bosbach ist verheiratet und hat drei Töchter.

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In Zeiten von Globalisierung

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