Rudolf Öller

Kommentar

Rudolf Öller

Mikroben

Wissen / 11.09.2020 • 10:20 Uhr

1865 starben in Südfrankreich die Seidenraupen in Massen. Louis Pasteur wurde um Hilfe gebeten. Er fand mit seinem Mikroskop einen Parasiten, der die Seidenraupen und ihre Nahrung befiel. Pasteur empfahl, alle befallenen Raupen und das Futter zu vernichten. Das erwies sich als richtig, und die Seidenindustrie war gerettet. Was eine bestimmte ansteckende Krankheit charakterisierte, schien auch für andere zuzutreffen: Mikroorganismen können Seuchen verursachen. Sie konnten sich durch Husten, Niesen, durch Abfälle, durch verunreinigte Nahrungsmittel oder Wasser ausbreiten.

Der Arzt Ignaz Philipp Semmelweis (1818 – 1865) gelangte zur gleichen Erkenntnis wie Pasteur, ohne dessen Theorie zu kennen. Semmelweis bemerkte, dass die Sterblichkeitsrate der Frauen an Kindbettfieber in den Wiener Krankenhäusern sehr hoch war, während Frauen, die zu Hause entbanden, selten erkrankten und starben. Semmelweis vermutete, dass die Ärzte auf dem Weg vom Sektions- zum Operationsraum irgendwie die Krankheit mitschleppten. Er setzte durch, dass Ärzte, bevor sie als Geburtshelfer tätig wurden, sich die Hände waschen mussten. Tatsächlich sanken darauf die Sterblichkeitsziffern. Nachdem die verärgerten Ärzte Semmelweis vertrieben hatten, stieg die Todesrate wieder.

Erst nachdem Pasteur seine „Keimtheorie“ aufgestellt hatte, änderten sich die Verhältnisse. In England reformierte der Chirurg Joseph Lister (1827-1912) die Chirurgie, als er Pasteurs Theorie ernst nahm und Instrumente und chirurgische Wunden mit Karbolsäure (Phenol) sterilisierte. 1884 entdeckte der russisch-französische Biologe Ilya Mechnikow (1845 – 1916) ein Beispiel für eine Abwehrreaktion. Er konnte nachweisen, dass weiße Blutkörperchen sich an der Stelle von Infektionen zusammenrotten konnten, worauf sich Bakterien und weiße Blutkörperchen eine chemische Schlacht lieferten, die entweder die Bakterien oder die Blutkörperchen gewannen.

In den Sechzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts wandte sich der deutsche Botaniker Ferdinand Julius Cohn (1828 – 1898) den Bakterien zu und veröffentlichte 1872 eine Abhandlung darüber. Cohn gilt seither als Begründer der modernen Bakteriologie. Cohns bedeutendste Entdeckung war jedoch die des jungen deutschen Arztes Robert Koch (1843 – 1910).

Koch hatte den Milzbrandbazillus isolieren können und gelernt, ihn zu züchten. Koch vermehrte Bakterien auf Nährböden, wie
z. B. Gelatine, anstatt in Flüssigkeiten. Das war der entscheidende Durchbruch zur systematischen Züchtung und Identifizierung von Bakterien.

„Er setzte durch, dass Ärzte, bevor sie als Geburtshelfer tätig wurden, sich die Hände waschen mussten.“

Rudolf Öller

rudolph.oeller@vol.at

Mag. Dr. Rudolf Öller ist
Biologe und Lehrbeauftragter
des Roten Kreuzes.