Das unersetzliche Nitrat

Wissen / 15.08.2020 • 09:00 Uhr
Das unersetzliche Nitrat
Im Fall Beirut gibt es Hinweise auf Schweißarbeiten und einen dadurch ausgebrochenen Brand. AFP

Die andere Seite des Sprengstoffs.

Schwarzach Ammoniumnitrat, erst vor kurzem in Beirut wieder unrühmlich bekannt geworden, hat eine lange Katastrophentradition. Schon vor fast hundert Jahren detonierte im Werk Ludwigshafen der BASF eine 400-Tonnen Portion des Stoffes – aber dort hat man einen eher robusten Umgang mit der Substanz gepflegt. Eine zusammengebackene Masse aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat sollte mit Dynamit(!) aufgelockert werden; heute undenkbar, damals gängiges Verfahren. Leider war die Nitratkonzentration höher, weshalb ein Silo explodierte. Über 500 Tote. Weitere Unfälle gab es in Texas, Frankreich, Nordkorea und China. Warum ist der Stoff so gefährlich? Er wird aus Salpetersäure und Ammoniak hergestellt. Das Ammoniak stammt aus dem Stickstoff der Luft und Wasserstoff, die Salpetersäure gewinnt man durch geeignete „Verbrennung“ von Ammoniak.

Und warum das alles? Weil das Produkt Ammoniumnitrat ein geruchloser Feststoff ist, der mit anderen Stoffen ein hervorragendes Düngemittel abgibt und relativ gefahrlos gelagert werden kann. Der Nitratanteil wirkt sofort auf die Pflanzen, der Ammoniakanteil wird in der Folge verlangsamt durch Bodenbakterien verfügbar gemacht. Im Kalkammonsalpeter, dem wichtigsten Düngemittel der Landwirtschaft, wird das Nitrat mit Kalk versetzt, das mindert die Bodenversauerung und macht das Produkt sicherer. Was geht das den nicht landwirtschaftlich tätigen Normalbürger an? Nichts – wenn er sich sein ganzes Leben nur von echten Bioprodukten ernährt hat. Für die anderen gilt: Ein Drittel aller Stickstoffatome im Körper (Eiweiß, DNA) steckte vormals im Ammoniumnitrat der Düngemittelindustrie. Ohne diese Düngemittel wären wir moderne Menschen deutlich weniger zahlreich! Ammoniumnitrat zersetzt sich in Wasserdampf, Stickstoff und Sauerstoff, pro Kilo entstehen 920 Liter Gasgemisch, die sich natürlich Platz verschaffen. Deshalb ist der Stoff Hauptbestandteil sogenannter ANO-Sprengstoffe, dazu mischt man ein paar Prozent Mineral Dieselöl zu und verwendet die Mischung als sicheres Sprengmittel für Bohrlöcher in Steinbrüchen und beim Tunnelbau. Dort werden tausende Tonnen eingesetzt. Man spricht beim Ammoniumnitrat von einer „möglichen“ Gefährlichkeit und regelt den Umgang im Sprengstoffgesetz, obwohl es nicht zu den explosionsgefährlichen Stoffen gehört – die Medaille hat offenbar zwei Seiten. Beim Erhitzen auf über 200 Grad explodiert es, Funkenflug usw. soll vermieden werden. Und nicht mit Stoffen zusammenbringen, die oxidiert werden können = brennen. Das war’s dann aber auch.

Im Fall Beirut gibt es Hinweise auf Schweißarbeiten und einen dadurch ausgebrochenen Brand. Man hätte das Zeug, wenn es schon niemand haben will, einfach sukzessive ins Meer schmeißen können, es ist wasserlöslich. Folge: eine ungeheure Algenblüte – aber nicht hunderte Tote. Christian Mähr