Auto mit Dampf

Wissen / 05.06.2020 • 15:38 Uhr
Im Jahre 1900 wurden in den USA 4000 Autos gebaut, 40 Prozent davon mit Dampf.NYT
Im Jahre 1900 wurden in den USA 4000 Autos gebaut, 40 Prozent davon mit Dampf.NYT

Eine vergessene Erfolgsgeschichte?

Schwarzach Der erste mit Dampf betriebene „Selbstfahrer“ fuhr schon 1769 in Paris. Das war kein Auto im heutigen Sinn, sondern sollte als Zugmaschine für Kanonen dienen. Das Fahrzeug erreichte 3 bis 4 kmh, ein Erfolg war ihm nicht beschieden. 1803 baute Richard Trevithick die von ihm erfundene Dampfmaschine (es gab mehrere Erfinder) in eine Postkutsche ein, wie schnell sie fuhr, ist nicht bekannt, jedenfalls war der Betrieb zu teuer und wurde bald eingestellt. Im frühen 19. Jahrhundert bemühten sich rund zwei Dutzend Erfinder um den individuellen Dampfantrieb, alle mehr oder weniger ohne brauchbares Ergebnis. Ein Problem war rutschiger Untergrund oder die Steigung, Pferde konnten darüber laufen, die Kutsche selbst brauchte keinen „grip“, wenn man die Pferde wegließ, sah es aber schlecht aus für den Selbstfahrer. Es wurden versucht, mit verschiedenen mechanischen Gestängen die Pferdebeine nachzuahmen, funktioniert hat das alles nicht.

Dampfomnibus

1827 brachte der Engländer Gurney einen Dampfomnibus auf die Straße, mit dem 21 Personen befördert werden konnten. Der fuhr immerhin schon mit bis zu 22 kmh und brauchte in einer Stunde 270 Liter Wasser, wie viel Kohle, ist nicht bekannt. Sein Dampfomnibus konnte an einem Tag 130 Kilometer zurücklegen. – Die nächste Entwicklungsstufe gelang den Franzosen. Amédée Bollée baute 1878 das erste Serienauto der Welt: 50 Stück. Der Dampfwagen hieß La Mancelle. Das Brüderpaar Henri und Leon Serpollet erfanden 1881 den „Blitzverdampfer“ und bauten ein Dampfdreirad, das mit Öl befeuert wurde. Damals war das Rennen zwischen Dampf- und Explosionsmotor noch durchaus offen. 1902 fuhr Leon Serpollet mit einem Dampfrennwagen als erster Mensch über 120 kmh. Danach begann der Siegeszug des Motors mit interner Verbrennung: unser heutiges Auto. Der Dampfwagen war zu teuer in der Herstellung und zu umständlich im Betrieb. hielt sich aber in Amerika bis ins 20. Jahrhundert. Stanley-Steamer sind legendär. Die Brüder Stanley hatten einen Dampfkessel erfunden, der nur 20 Kilo wog, die geringe Wandstärke wurde durch herumgewickelten Klavierdraht kompensiert – dasselbe Prinzip wie bei modernen Hochdrucktanks für Wasserstoff, nur nimmt man heute Kohlefasern.

Im Jahre 1900 wurden in den USA 4000 Autos gebaut, 40% davon mit Dampf! Warum hat sich der Ottomotor durchgesetzt? Weil mit der Erfindung des Anlassers das lästige und gefährliche Anlassen mit der Handkurbel wegfiel. Zündschlüssel drehen – wegfahren. Das Dampfauto muss, wenn auch nur für einige Minuten, vorgeheizt werden. – Und heute? Ist der Dampfbetrieb für immer im Abgrund der Vergangenheit verschwunden? Vielleicht doch nicht. Im Zeitalter der Dekarbonisierung der Industriegesellschaft sollte man alte Konzepte unter neuen Voraussetzungen noch einmal überdenken. Klar: Dampf muss durch Hitze erzeugt werden. Aber wer sagt denn, das man dazu etwas verbrennen muss, das Kohlenstoff enthält? Oder, dass man überhaupt etwas verbrennen (oxidieren) muss? Nächstes Mal mehr dazu!