Arktische Tiefsee hat massives Müllproblem

Wissen / 17.02.2017 • 13:38 Uhr
Häufige Müllteile, die von den Forscherinnen auf dem Grund der Arktischen Tiefsee gesichtet wurden, sind Fischernetze.
Häufige Müllteile, die von den Forscherinnen auf dem Grund der Arktischen Tiefsee gesichtet wurden, sind Fischernetze.

Nach Studie warnen Wissenschafter vor zunehmender Vermüllung des nördlichen Eismeeres.

Bremerhaven. Glas, Plastik, Fischernetze: All das befindet sich 2500 Meter unter der Oberfläche der Arktischen Tiefsee. Trotz der Lage fernab von Ballungszentren hat dort die Müllmenge binnen eines Jahrzehnts immer mehr zugenommen und stellt somit eine dauerhafte Gefahr für das sensible Ökosystem dar. Das ergab eine Langzeitmessung der Forscherinnen Mine Tekman und Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, Deutschland.

Seit 2002 beobachteten die beiden Biologinnen an zwei Messpunkten in der Framstraße zwischen Grönland und der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen mit einem ferngesteuerten Kamerasystem den Meeresboden. Auf 7058 Fotos entdeckten sie dabei 89 Müllteile. Hochgerechnet führte das im Untersuchungszeitraum von 2002 bis 2014 zu einem Durchschnittswert von 3485 Müllteilen pro Quadratkilometer.

Höchster Wert 2014

Nachdem die Wissenschafterinnen 2011 eine Verschmutzung von 4959 Müllteilen pro Quadratkilometer ausgerechnet hatten, hofften sie noch, dass der hohe Wert ein Ausreißer sei. Doch die Mülldichte ist seitdem noch weiter angestiegen und erreichte im Jahr 2014 mit 6333 Müllstücken pro Quadratkilometer einen neuen Höchstwert.

Besonders dramatisch sei die Situation an der nördlicheren Messstation: „Hier ist die Verschmutzung in den Jahren von 2004 bis 2014 um mehr als das Zwanzigfache gestiegen“, sagte Tekman. Betrachtet man nur dieses nördliche Gebiet, ergab die Messung 2004 nur 346 Müllteile. Zehn Jahre später waren es 8082 Teile. „Bei unseren Untersuchung haben wir nur Partikel von mindestens zwei Zentimetern Größe gezählt“, betonte Bergmann.

Unter den fotografierten Müllteilen, die dort am Meeresgrund liegen, befinden sich laut Tekman und Bergmann vor allem Plastik und Glas. Das Glas am Boden ist am leichtesten zu erklären. Das Material drifte nicht über größere Distanzen, sondern sinke sofort an Ort und Stelle auf den Meeresgrund, informierten die Forscherinnen. Die Messreihe zeige somit: Mit der Intensität der Schifffahrt in der Region nimmt auch die Mülldichte zu.

Schwieriger sei es, die Herkunft des Plastikmülls in den arktischen Gewässern zu erklären: Denn Plastik lege im Meer meist weite Reisen zurück, bevor es den tiefen Meeresgrund erreiche. Dabei sei der Einfluss des Golfstroms auf die Verbreitung von Plastikmüll in der Arktis unbestritten. Er transportiere die Plastikteile aus den südlichen Atlantikregionen in die Framstraße.

Meereis als Transportmittel

Zudem formulierten die Biologinnen einen neuen Ansatz: Es könnte einen Zusammenhang zwischen der Mülldichte und der Meereis-Ausdehnung geben. „Das Meereis könnte demnach ein Transportmittel für Müll sein und diesen während der Schmelzperiode im untersuchten Gebiet freigeben“, sagte Bergmann. Bisher sei man vom Gegenteil ausgegangen, da man das Eis eher als eine Barriere gegen die Verschmutzung betrachtetet habe.