Experte für die Seele

Wetter / 02.11.2017 • 19:19 Uhr
Experte für die Seele

Reinhard Haller geht in Pension, aber nicht ganz.

frastanz Er hatte nicht vorgehabt, so lange zu bleiben. Höchstens sieben Jahre wollte Reinhard Haller das Behandlungszentrum für Suchtkranke Maria Ebene als Chefarzt führen. 34 Jahre sind es schlussendlich geworden. In dieser Zeit hat sich unter seiner Führung die ursprünglich kleine, unscheinbare Einrichtung zu einem renommierten Krankenhaus mit externen Stationen und Beratungsstellen entwickelt. Ende des Jahres übergibt Haller „die Ebene“ in jüngere Hände. Er geht in Pension.

Im Ruhestand „werde ich jedenfalls nicht nichts tun“, sagt der 66-jährige Psychiater und Psychotherapeut, der sich selbst als eher schüchtern, jedoch neugierig beschreibt. Neugierig sei er immer schon gewesen und werde er immer bleiben.

Der Russ-Preis-Träger

Aufgewachsen ist er in Mellau, in ärmlichen Verhältnissen, aber mit liebevollen Eltern. Nach dem Medizinstudium in Innsbruck ließ er sich zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und zum Psychotherapeuten ausbilden. 1983 wurde ihm die Leitung des Behandlungszentrums Maria Ebene in Frastanz übertragen. In der Folge wurde Haller Sachverständiger für Fragen zur Suchtprävention und Suchtbehandlung und gründete mit der Werkstatt für Suchtprophylaxe (Supro) die erste Suchtpräventionsstelle Österreichs. Seit 1990 ist er Drogenbeauftragter der Landesregierung. Für seine Verdienste wurde er 2010 von den VN mit dem Dr.-Toni-Russ-Preis ausgezeichnet.

Der Facharzt ist auch Experte für Kriminalpsychiatrie und hat als Gerichtsachverständiger Tausende Gutachten verfasst. Zu den bekanntesten Fällen, die er untersucht hat, zählen die des Sexualmörders Jack Unterweger, des „Bombenhirns“ Franz Fuchs, des NS-Euthanasie-Arztes Heinrich Gross sowie der Amoklauf von Winnenden. Bei Letzterem hat Haller die Familie des 17-Jährigen untersucht, der 2009 in einer Schule 15 Menschen und zuletzt sich selbst getötet hatte.

Haller wurde indes nicht nur Anerkennung zuteil, vor allem in seiner Funktion als psychiatrischer Gutachter hat er auch Anfeindungen und sogar Klagen eingesteckt. Das waren durchaus sehr unangenehme und schwierige Situationen, gesteht er ein, „wenn man aber diesen Job macht, muss einem bewusst sein, dass einem so etwas passieren kann“.  

Zu den schönsten Seiten seiner beruflichen Laufbahn zählen die therapeutischen Erfolge. „Suchttherapie ist im Gegensatz zu ihrem Ruf recht erfolgreich“, informiert er. „Dabei entstehen Verbindungen fürs Leben. Der erste Patient, den ich auf der Ebene behandelt habe, kommt mich heute noch besuchen.“

Ab 1. Jänner 2018 ist Reinhard Haller im Ruhestand. Das heißt jedoch nicht, dass er sich völlig ins Privatleben zurückziehen wird – er ist verheiratet und Vater von drei mittlerweile erwachsenen Kindern. Als Psychiater, Psychotherapeut und Gerichtsgutachter bleibe er weiter tätig, wenn auch „in beschränktem Umfang“. Und als Autor werde er auch künftig Bücher – und Kommentare für die VN – verfassen. Nach seinen zuletzt erschienenen Büchern, „Die Narzissmusfalle“ und „Die Macht der Kränkung“, schreibt er bereits an seinem nächsten Werk: „Wandern als Psychotherapie“.

Eines ist sicher: Reinhard Haller wird es nie lassen können, in die Tiefen der menschlichen Seele einzutauchen. VN-HRJ

„Wenn man diesen Job macht, muss einem bewusst sein, dass einem so etwas passieren kann.“

Zur Person

Reinhard Haller

Geboren 25. September 1951

Wohnort Feldkirch

Ausbildung Medizinstudium, Facharztausbildung in Psychiatrie, Neurologie, Psychotherapie

Familie verheiratet, Vater von drei Kindern

Hobbys: Bergwandern, Klassische Musik, Lesen