Die andere “Epidemie”

Welt / 10.08.2021 • 22:39 Uhr
Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl der Tötungsdelikte in den USA deutlich gestiegen. ap
Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl der Tötungsdelikte in den USA deutlich gestiegen. ap

Immer mehr Waffengewalt in den USA. Experten suchen nach Erklärungen.

new york Die Schüsse sind laut. Und sie fallen auf einer beliebten Ausgehmeile in der US-Hauptstadt Washington. Videos zeigen, wie Menschen in Panik von Restaurant-Terrassen aufspringen, wegrennen, sich verstecken. Am Ende spricht die Polizei von zwei Verletzten. Die Täter konnten in einem Auto fliehen. Eigentlich ist das kein ungewöhnliches Ereignis in den USA. Dort sterben im Schnitt jeden Tag Dutzende Menschen in Folge von Schusswaffengewalt. Doch dieser und andere Vorfälle haben den Fokus auf eine brisante Entwicklung gelenkt: Das Jahr 2020 war mit gut 19.000 Toten das tödlichste Jahr in den USA mit Blick auf Waffengewalt in mindestens zwei Jahrzehnten – Suizide nicht mitgezählt. Das geht aus Daten der Organisation Gun Violence Archive hervor.

Im Jahr 2021 sind die Zahlen bisher noch drastischer. Der Organisation zufolge sind bisher pro Tag im Schnitt rund 56 Menschen aufgrund von Schusswaffengewalt ums Leben gekommen. Woran liegt das? Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze – eine eindeutige Antwort aber nicht.

Fachleute sehen die Corona-Pandemie als eine Art Brennglas für all die bereits bestehenden Probleme. Geschlossene Schulen, Jobverlust und allgemeine Verzweiflung wurden deutlich verschärft. Zugleich blieben während der Pandemie auch soziale Einrichtungen auf der Strecke – Institutionen, die in vielen Vierteln einiges auffangen. Die Waffenindustrie nutze die Pandemie, um den Verkauf von Waffen zu steigern, warnt zudem Josh Sugarmann. Er ist Direktor des Violence Policy Center, einer Organisation, die zu Waffengewalt forscht. Eine andere These ist, dass der Anstieg der Waffengewalt auch mit den Protesten gegen Polizeigewalt nach dem brutalen Tod des US-Amerikaners George Floyd im Mai 2020 zusammenhängt. Es deute jedenfalls vieles darauf hin, dass sich die Lage weiter verschlimmern wird.