Weitere Mitwisser im Visier der Behörden

Welt / 27.05.2021 • 22:39 Uhr
Laut den Ermittlern hatte die Seilbahn bereits seit eineinhalb Monaten technische Probleme. AFP
Laut den Ermittlern hatte die Seilbahn bereits seit eineinhalb Monaten technische Probleme. AFP

Ermittlungen nach dem Seilbahnunglück am Lago Maggiore werden ausgedehnt. Datenschreiber sichergestellt.

Stresa Die Ermittlungen um das Seilbahnunglück am Lago Maggiore am Sonntag mit 14 Toten ziehen weitere Kreise. Nachdem am Mittwoch der Eigentümer der Seilbahn-Gesellschaft, der Direktor und der Cheftechniker festgenommen wurden, werden die Ermittlungen auf weitere Mitarbeiter ausgedehnt. Laut den Ermittlern hatte die Seilbahn bereits seit eineinhalb Monaten technische Probleme, von denen viele Mitarbeiter der Gesellschaft wussten.

Direktor bestreitet Vorwürfe

Der festgenommene Direktor der Seilbahn-Betreibergesellschaft „Ferrovie del Mottarone“ bestreitet die Vorwürfe der Staatsanwälte. Er dementierte, über die absichtliche Abschaltung eines Sicherheitssystems informiert gewesen zu sein, die das Unglück mit 14 Todesopfern verursacht haben soll. Der Direktor sei „ein äußerst gewissenhafter Ingenieur“, betonte sein Anwalt. Der 51-jährige Ingenieur habe die verschiedenen Eingriffe der vergangenen Monate rekonstruiert und könne sich den Seilriss nicht erklären, auch weil alle Prüfberichte immer positiv ausgefallen seien, berichtete der Anwalt laut Medienangaben. Das Abschalten der Notbremse sei bei besonderen Eingriffen vorgesehen, aber natürlich nie bei einem Personenbetrieb.

Geständnis abgelegt

Der Seilbahn-Einsatzleiter, der in der Nacht auf Mittwoch mit dem Direktor und dem Eigentümer der Seilbahnanlage festgenommen worden war, hat gestanden, dass die Notbremse absichtlich ausgeschaltet worden sei. „Es gab eine Störung an der Seilbahn, das Beförderungsteam hat das Problem nicht oder nur teilweise gelöst. Um die Verbindung nicht zu unterbrechen, entschieden sie sich, die ‚Gabel‘, die verhindert, dass die Notbremse in Kraft tritt, an Ort und Stelle zu lassen“, berichtete Albert Cicognani, der Carabinieri-Offizier, der die Ermittlungen führte. Ein Motiv für die Manipulation könnte laut Medien gewesen sein, dass die Betreiber nach der langen Corona-Zwangspause die Seilbahn um jeden Preis am Laufen halten wollten.

„Absichtliche Entscheidung“

Die ermittelnde Staatsanwältin Olimpia Bossi sagte, es habe sich um eine „absolut absichtliche“ Entscheidung gehandelt, um den Betrieb der Seilbahn aufrechtzuerhalten. Die Gabel zum Außerkraftsetzen der Notbremse sei am Sonntag sicherlich nicht zum ersten Mal eingesetzt worden. Die Seilbahn hatte demnach schon seit eineinhalb Monaten Probleme. Bossi erklärte, die drei Verdächtigten seien wegen konkreter Fluchtgefahr festgenommen worden. Ihnen drohen nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft im Falle einer nachgewiesenen Schuld „allerhöchste“ Strafen.  

Der Carabinieri-Kommandant Luca Geminale sagte am Donnerstag laut der Nachrichtenagentur Ansa, dass der Datenschreiber der Seilbahn, die sogenannte „Schwarze Kiste“, zwischenzeitlich sichergestellt worden sei. Es handele sich um eine Vorrichtung, die alle technischen Aspekte wie Geschwindigkeit, Lauf und Schwanken der Gondel aufzeichne.

Nach dem Riss des Führungsseils raste die Gondel mit hoher Geschwindigkeit in die Tiefe. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. AFP
Nach dem Riss des Führungsseils raste die Gondel mit hoher Geschwindigkeit in die Tiefe. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. AFP