Wiederaufbau von Notre-Dame wird lang, teuer – und spannend

Präsident Emannuel Macron versprach den Franzosen in einer TV-Ansprache, das weltberühmte Bauwerk innerhalb der kommenden fünf Jahre wieder aufzubauen – noch schöner als zuvor.
Paris Frankreichs Regierung will am Mittwoch darüber beraten, wie es nach dem Inferno in der Pariser Kathedrale Notre-Dame weitergehen soll. Der Präsident versprach den Franzosen in einer TV-Ansprache, das weltberühmte Bauwerk innerhalb der kommenden fünf Jahre wieder aufzubauen – noch schöner als zuvor. “Wir sind das Volk von Baumeistern”, sagte Macron.
Doch es gibt erhebliche Herausforderungen: Zunächst muss das Innere der etwa 850 Jahre alten Kathedrale vor Wettereinflüssen geschützt werden, nachdem sich die Flammen durch den hölzernen Dachstuhl gefressen haben.
Erste Priorität ist also ein provisorisches Dach aus Metall oder Plastik, das Regen abhält. Dann beginnen Ingenieure und Architekten mit der Einschätzung des Schadens.
Glücklicherweise ist Notre-Dame ein gut dokumentiertes Bauwerk. Über die Jahre haben Geschichtswissenschaftler und Archäologen mithilfe von 3D-Lasertechnik gründliche Pläne und Abbildungen erstellt, auch des Inneren der Kathedrale.
Duncan Wilson, Vorsitzender der staatlichen englischen Denkmalpflegebehörde Historic England, sagt, das Bauwerk müsse so gesichert werden, dass der Schutt nicht zunichte gemacht werde – dieser könne wertvolle Informationen und Material für die Restauratoren enthalten.
“Die zweite Herausforderung wird tatsächlich sein, das Material zu retten”, sagt er. “Ein Teil dieses Materials könnte wiederverwertbar sein, und das ist eine mühevolle Aufgabe. Es ist wie eine archäologische Ausgrabung.”
Nach anfänglicher Sorge, dass wegen des Ausmaßes des Infernos die ganze Kathedrale verloren sein könnte, erscheint die Struktur intakt. Die beiden rechteckigen Türme ragen weiterhin in den Pariser Himmel und das steinerne Gewölbe liegt auf starken Mauern, die von massiven Pfeilern gestützt werden. Das Bauwerk wurde für die Ewigkeit konzipiert. Es hat seinen größten Test überstanden.
Tom Nickson, Dozent für mittelalterliche Kunst und Architektur am Londoner Courtauld Institut, sagt, das Gewölbe habe “wie eine Art Feuertür zwischen dem hochentzündlichen Dach und dem hochentzündlichen Inneren gewirkt” – so wie es die Baumeister der Kathedrale im Mittelalter beabsichtigt hatten.
Jetzt müsse vorsichtig überprüft werden, ob die Steine des Gewölbes durch die Hitze geschwächt oder gesprungen sind. In dem Fall müsste das gesamte Gewölbe abgebaut und erneut zusammengesetzt werden.
Das außergewöhnliche gefärbte Glas der Kirchenfenster scheint intakt zu sein, könnte jedoch einen “thermalen Schock” durch Hitze und anschließende Kälte durch kaltes Wasser erlitten haben, befürchtet Jenny Alexander. Sie ist Expertin für mittelalterliche Kunst und Architektur an der Universität von Warwick. Das in Blei eingefasste Glas könnte gebogen oder geschwächt sein und müsse genauestens überprüft werden.
Sobald das Gebäude stabilisiert und der Schaden eingeschätzt ist, können die Restaurierungsarbeiten beginnen. Wahrscheinlich wird ein internationales Team daran arbeiten. “Bauingenieure, Experten für Kirchenfenster und Steine werden in den kommenden Wochen ihre Taschen packen und sich nach Paris aufmachen”, sagt Alexander.
Eine wichtige Entscheidung muss getroffen werden: Soll die Kathedrale wieder so aufgebaut werden, wie sie vor dem Feuer war, oder soll es einen kreativeren Ansatz geben?
Das ist nicht immer eine eindeutige Wahl. Der Vierungsturm der Kathedrale, der durch das Feuer am Montag zerstört wurde, war der gotischen Kathedrale im 19. Jahrhundert hinzugefügt worden. Soll er genau so wiederaufgebaut werden, oder durch einen Turm im Design des 21. Jahrhunderts ersetzt werden? Finanzielle und politische Überlegungen, genauso wie ästhetische, spielen bei dieser Entscheidung eine Rolle.
Auch die Beschaffung des Materials könnte eine Herausforderung darstellen. Das Dach der Kathedrale wurde aus Eichenbalken aus jahrhundertealten Bäumen gesägt. Selbst im 13. Jahrhundert waren diese schwer zu bekommen. In Europa gebe es vermutlich kein Land, dessen Bäume dafür groß genug sind, sagt Nickson.
Alternativ könnte man eine andere Art von Struktur bauen, die aus kleineren Balken besteht, oder sogar ein Dach aus Metall – wobei Puristen das wohl ungern sähen.
Das restaurierte Bauwerk muss auch moderne Gesundheits- und Sicherheitsstandards erfüllen. Eric Salmon, ein ehemaliger Bauleiter der Pariser Kathedrale, glaubt, es sei unmöglich, alle Risiken zu verhindern. “Es ist wie ein Unfall auf der Straße. Es kann überall zu jeder Zeit passieren”, sagt Salmon, der jetzt als technischer Direktor an der Notre-Dame-Kathedrale in Straßburg arbeitet.
Experten stimmen darin überein, dass das Projekt Jahre in Anspruch nehmen wird, wenn nicht Jahrzehnte. Audrey Azoulay, Generaldirektorin der UN-Welterbeorganisation Unesco, sagt, Notre-Dame zu restaurieren “wird eine lange Zeit dauern und viel Geld kosten”.