Kolumne: Die Guten und die Schlechten

„Geh den Weg, den die Guten vor dir gegangen sind!“, sagte die Großmutter zu ihrem Enkel. „Geh nicht den Weg, den die Schlechten gehen!“
„Ich weiß nicht, was du meinst, Großmutter“, sagte der Enkel. „Und wie weiß ich, wer die Guten und wer die Schlechten sind?“
Der Enkel saß auf der Bettkante des Krankenbetts, bald würde die Großmutter tot sein. Das tat dem Enkel sehr leid, denn er war bei ihr aufgewachsen, sie war alles, was seine Mutter hätte sein sollen. Die Mutter hatte sich nicht um ihn gekümmert, vom Vater fehlte jede Spur. Also, dachte sich der Enkel, muss ich jetzt, so lange die Großmutter noch lebt, auf ihre Worte hören. Sie klingen zwar biblisch, und ich weiß, dass meine Großmutter nie besonders religiös war, aber wie kann man wissen, was die Todesnähe bewirkt. Jedenfalls wollte er ihr zuhören, und wenn möglich, ihre Worte auch befolgen.
Der Enkel wusste, er war schließlich volljährig, was schlecht und was gut war, aber er wollte ihr nicht widersprechen, obwohl es im vorkam, als befinde er sich in einem Märchen und die Großmutter erzähle vom bösen Wolf.
Er fragte: „Die Schlechten wollen den Guten Böses, und wie ist das umgekehrt? Ich will das Beste aus mir machen.“
Furcht überkam ihn, als er sah, wie sich ihre Augen schlossen und ihre Lider wie welke Blätter aussahen.
Er würde ihr eine schöne Beerdigung bescheren. Sie hatte ihm genügend Geld hinterlassen, sie wünschte sich den billigsten Sarg, denn so hatte sie gesagt: Würde sie ins Himmelreich einkehren, wäre es nicht passend in einem Prunksarg zu erscheinen.
Der Enkel war amüsiert, weil er sich vorstellte, wie der Tapetensarg im Himmel aufgenommen würde.
Sie war schon Jahre unter der Erde, da fiel dem Enkel wieder der Satz mit den Guten und den Schlechten ein, und bei jeder Bekanntschaft, die er schloss, fragte er sich, zu welchen von beiden dieser Mensch gehöre. Er fand einen Freund, von dem er wusste, dass er nicht zu den Guten gehörte, er war ein Betrüger und trotzdem verlor er sein Herz an ihn. Und der Betrüger war gut zu ihm, er sagte, wenn du mich liebst, will ich dich auch lieben. Gib mir dein Erspartes, und ich kaufe uns ein Häuschen mit Garten.
Das Geld war vom Erbe der Großmutter. Der Enkel gab dem Freund alles, was er besaß, und kaum war das Häuschen gekauft, war es schon verloren. Der Enkel verzieh seinem Freund und blieb bei ihm in der Einzimmerwohnung.
Manchmal am Abend, wenn der Freund auf Tour war, zündete er eine Kerze an und gedachte seiner Großmutter, nie in Anwesenheit seines Freundes, denn der hätte ihn verspottet.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.