„Ich stoße an Grenzen“ – Bregenzer Supermarkt-Inhaber kämpft gegen Abschiebung seiner Fachkräfte

Zwei ausgebildete Metzger, unverzichtbar für Mehmet Tags (35) Betrieb – und dennoch von Abschiebung bedroht. Für den Bregenzer Supermarktinhaber ist das schwer nachvollziehbar, auch weil Metzger offiziell als Mangelberuf gilt.
Darum geht’s:
- Supermarkt-Inhaber kämpft gegen Abschiebung seiner Mitarbeiter.
- Supermarkt leidet unter Fachkräfte-Mangel.
- Für Mehmet Tag eine “persönliche und unternehmerische Katastrophe”.
Bregenz “Das ist der beste Laden in ganz Bregenz”, ruft ein Kunde den VN gut gelaunt zu, als er gerade den “Lider Supermarkt” verlässt. Es ist Montagvormittag, in dem Supermarkt in der Achsiedlung herrscht bereits geschäftiges Treiben. Hier, mitten in einem sozial herausgeforderten Viertel, steht Mehmet Tag hinter dem Tresen, spricht mit Kundschaft, kontrolliert die Fleischtheke.
Und wirkt bedrückt. Denn zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter, beide ausgebildete Metzger, standen bzw. stehen zuletzt vor der Abschiebung. Einer ist bereits weg. Der andere bangt um seine Zukunft. Dabei ist Metzger in Österreich ein anerkannter Mangelberuf.


Mehmet Tag ist 35 Jahre alt. Seit 2022 führt er in Bregenz den “Lider Supermarkt”, ein türkisches Lebensmittelgeschäft mit neun Mitarbeitenden. Alle haben einen Migrationshintergrund, einige sind geflüchtet. “Integration durch Arbeit” ist das Prinzip, mit dem Mehmet Tag seinen Supermarkt führt. Doch dieses gerät nun ins Wanken: “Zwei meiner wichtigsten Mitarbeiter – Bilal und Yunus – sind ausgebildete Metzger. Ohne sie kann ich die Fleischabteilung nicht aufrechterhalten, die 30 Prozent des Umsatzes ausmacht.” Beide Männer sind kurdischer Herkunft, beide haben keinen gesicherten Aufenthaltstitel.

Abschiebung oder Flucht
“Man hat mir gesagt, ich müsse zuerst versuchen, jemanden mit regulärem Aufenthaltsstatus zu finden. Ich habe die Stelle ausgeschrieben, aber niemand bewirbt sich heutzutage auf einen Metzgerposten”, sagt Tag. “Es ist ein Mangelberuf. Und ich brauche Fachleute, die sich mit Halal-Fleisch auskennen, die Sprachen sprechen wie meine Kundschaft.”

Bilal D., Anfang 20, hatte im Jänner dieses Jahres als Metzger im “Lider Supermarkt” begonnen. “Er war jung, motiviert, lernwillig. Ich habe mich um die Arbeitserlaubnis bemüht und sie bekommen”, hat sich Mehmet Tag für die Fachkraft eingesetzt. Nach Ablehnung in erster und zweiter Instanz drohte Bilal die Abschiebung – trotz fester Arbeit und Deutschkursen. Aus Angst vor Abschiebehaft verließ er Österreich freiwillig. “Er hat das Land illegal verlassen.” Den Moment des Abschieds beschreibt Tag als emotional.
Bleiben auf Widerruf
Yunus T. ist ebenfalls Metzger, Anfang 30, verheiratet, seine Frau ist schwanger. Die beiden leben in Feldkirch. Seine Frau ist ausgebildete Sozialarbeiterin, auch sie darf nicht arbeiten. “Sie hat ihre Deutschkurse selbst bezahlt, engagiert sich bei den Pfadfindern und steht trotzdem ohne Perspektive da.” Das Ehepaar kam als politische Verfolgte aus der Türkei nach Österreich. Die Arbeitserlaubnis für Yunus beschreibt sein Chef als einen Kraftakt: monatelanges Ringen mit dem AMS, Einschalten der Arbeiterkammer, Berater, rechtlicher Instanzen.

Yunus bekam schließlich eine auf ein Jahr befristete Arbeitserlaubnis. Sein Asylverfahren aber ist noch offen. Doch auch ihm und seiner schwangeren Frau droht der Abschiebungsbescheid: “Die Ungewissheit ist am schlimmsten”, erklärt Yunus T.


Mangelberuf Metzger
Mehmet Tag will nicht moralisieren. Er weiß, dass das Asylsystem komplex ist. “Diese jungen Männer wollen nichts anderes als arbeiten. Und ich will nichts anderes als meinen Betrieb weiterführen. Aber ich werde mit Vorgaben konfrontiert, die fern jeder Realität sind.” Für den gebürtigen Deutschen ist die drohende Abschiebung eine Katastrophe, persönlich wie unternehmerisch: “Der Verlust bedeutet nicht nur wirtschaftlichen Schaden für meinen Betrieb, sondern auch für unsere Gesellschaft. Wie passt es zusammen, dass einerseits über Fachkräftemangel geklagt wird und andererseits jene abgeschoben werden, die längst da sind und arbeiten wollen?”
Der Supermarktinhaber habe sich an zahlreiche Stellen gewandt – an Ämter, Organisationen, Entscheidungsträger. Doch Zuständigkeiten wurden weitergeschoben, Antworten blieben aus. “Ich bin kein Jurist und kein Politiker. Ich bin Unternehmer. Ich schaffe Arbeitsplätze für einen Nahversorger in einem schwierigen Viertel. Aber ich stoße an Grenzen”, sagt er.
Rot-Weiß-Rot-Karte
Die Rot-Weiß-Rot-Karte ist seit 2011 ein kriteriengeleiteter befristeter Aufenthaltstitel für Drittstaatsangehörige mit beschränktem Arbeitsmarktzugang. Gedacht ist sie für Fachkräfte in Mangelberufen und Schlüsselkräfte. Befristet ist sie auf zwei Jahre und kann verlängert werden.
Voraussetzungen sind neben der Ausbildung in einem Mangelberuf ein fixer Arbeitsplatz mit ausreichendem Einkommen für einen gesicherten Lebensunterhalt, zumindest eine Reise-Krankenversicherung zum Zeitpunkt der Einreise sowie das Erreichen einer Mindestpunktezahl an Qualifikationen, etwa Deutschkenntnisse, Berufserfahrung und geringes Alter. Sie muss auf der österreichischen Vertretung im Heimatland, nach einer legalen Einreise, etwa per Aufenthaltsvisum, oder durch den Arbeitgeber beantragt werden.
Über die Gewährung hat innerhalb von acht Wochen die Bezirkshauptmannschaft des Wohnsitzes zu entscheiden und muss ehemöglichst persönlich abgeholt werden. Will man den Arbeitgeber wechseln, muss eine neue Rot-Weiß-Rot-Karte beantragt werden.