Karrenseilbahn – Wie die tonnenschweren Seile nun geborgen werden müssen

Vorarlberg / 25.06.2025 • 12:10 Uhr
Maurice Shourot
Die talseitige, während der Notsituation leere Kabine: Sie hängt derzeit nur am Zugseil. Shourot

Zwei Tage nach dem Sturmschaden beginnen nun die Reparaturarbeiten. Es ist nicht das erste Mal, dass der Wind der Dornbirner Seilbahn Probleme machte.

Darum geht’s:

  • Reparaturarbeiten nach Karrenseilbahn-Unglück laufen an.
  • Kriseninterventionsteam unterstützt traumatisierte Opfer.
  • Seilbahnexperten beginnen mit speziellen Wiederherstellungsarbeiten.

Dornbirn Zwei Tage nach der Notsituation in der Karrenseilbahn nehmen die Reparaturarbeiten Fahrt auf. Parallel wird das Kriseninterventionsteam am Mittwoch das erste Betreuungsgespräch mit den traumatisierten Opfern abhalten. Die dem Unwetter vorausgehende Sturmböe traf auf die fahrende Bahn und hob sowohl Trag- als auch Zugseil aus den Führungen und teilweise auch übereinander. In der bergseitigen Gondel waren 19 Personen auf dem Weg ins Tal, sieben Stunden dauerte ihre Bergung aus etwa 150 Meter Höhe.

Karrenseilbahn – Wie die tonnenschweren Seile nun geborgen werden müssen
Die obere der beiden Kabinen. Hier scheinen sich das Zug- und ein Tragseil verheddert zu haben. Links davon das zweite Tragseil, von dem die Kabine durch die Sturmböe gehoben wurde. VN/STeurer
Sturmschaden Karrenseilbahn
Die obere der beiden Kabinen. Hier scheinen sich das Zug- und ein Tragseil verheddert zu haben. Links davon das zweite Tragseil, von dem die Kabine durch die Sturmböe gehoben wurde. STadt Dornbirn, Dornbirner Seilbahn AG

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Das passiert derzeit

Nun müssen die Seile wieder in diese Schuhe der Bergstation gehoben und das Zugseil nach dem Überwurf wieder aus den Tragseilen gefädelt werden. Am Mittwoch wurde mit dem Wiedereinsetzen der Tragseile begonnen: Mit Seilzügen und Umlenkrollen wird die Spannung aus den Seilen genommen. Die so entlasteten Seile werden per Flaschenzug dann in ihre Führungen gehoben. Erst dann können die Gondeln wieder in die Stationen gezogen werden. Die Seile werden dann per Röntgengerät auf Schäden kontrolliert. Am Mittwoch konzentrierten sich die Tätigkeiten auf die einzige Stütze der Karrenseilbahn, um die Maßnahmen in den beiden Stationen vorzubereiten.

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Sturmschaden Karrenseilbahn
Die bergseitige Kabine. Normalerweise sollte sie an drei Seilen hängen. Stadt Dornbirn, Florian Ottacher

Sicherheit bei Seilbahnen

Durch die VERORDNUNG (EU) 2016/424 gelten in der EU einheitliche Vorgaben für die Sicherheit von Seilbahnen. In Anhang II sind hier die grundsätzlichen Sicherheitsvorgaben zu finden. So findet sich unter 2.6.2 die Vorgabe, dass alle für den sicheren Betrieb notwendigen Systeme und Bauteile im Falle eines Ausfalles im laufenden Betrieb zeitgerecht durch andere Systeme kompensiert sind. Faktisch müssen alle Sicherheitssysteme redundant sein, der Ausfall eines Sicherheitssystems, etwa der Tragseile, darf nicht in einer Katastrophe münden können.

So funktioniert die Karrenseilbahn

Technisch ist die ursprünglich 1956 eröffnete und 1995 sowie im Winter 2024/25 sanierte Karrenseilbahn eine zweispurige Pendelbahn. Errichtet wurde sie von Steurer Seilbahnen in Doren, die bis heute auf Pendelbahnen spezialisiert sind. Die Bahn überwindet einen Höhenunterschied von etwa 514 Metern auf eine Betriebslänge von 1475 Meter und einer horizontalen Länge von 1384 Meter. Die Fahrzeit beträgt knappe fünf Minuten, die von Swoboda (inzwischen Carvatech) in Oberösterreich gefertigten Kabinen haben Platz für 35 Personen. Für den Notbetrieb der Bahn gibt es Notstromaggregate.

Das händische Spannen der Stahlseile übernahm ein Arbeitstrupp der Illwerke. Die Kabinen wurden im Sommer 1956 von Mitarbeitern der Firma Doppelmayr installiert.  Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek
Die Karrenseilbahn bei der Eröffnung am 17. November 1956: Das händische Spannen der Stahlseile übernahm ein Arbeitstrupp der Illwerke. Die Kabinen wurden von Mitarbeitern der Firma Doppelmayr installiert.  Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek

Wind war bis 1995 regelmäßig Thema

Je Fahrspur hängt die Kabine seit 1995 an zwei Tragseilen und einem Führungsseil. Gerade da die ursprüngliche Bahn aufgrund ihrer Windanfälligkeit bei Föhn nicht fahren konnte, wählte man diese gegenüber Windeinfluss stabilere Bauweise. Die Nord-Süd-Ausrichtung der Bahn machte die alte Karrenseilbahn windanfällig: In Vorarlberg herrschen aus dem Osten kommende Winde vor, die die Karrenseilbahn und ihre Kabinen seitlich treffen können.

Karrenseilbahn – Wie die tonnenschweren Seile nun geborgen werden müssen
Bei den Revisionsarbeiten 2016: Hier sieht man die Rollen, mit denen die Kabine auf den beiden Trageseilen aufliegt. Dazwischen nach unten versetzt das Zugseil. VN/Steurer

Die Seile werden grundsätzlich durch Spanngewichte in der Talstation straff gehalten: An den Tragseilen hängen Gewichte von 60 Tonnen, am Zugseil 20 Tonnen. Auch die Stahlseile haben ein beachtliches Gewicht: Der Sturm bewegte allein bei den Tragseilen jeweils 30 Tonnen an Eigengewicht. Die Seile werden über Schuhe geführt, wie die Führungsstrukturen in der Seilbahntechnik genannt werden. Allein die 1955 an der einzigen Stütze der Bahn installierten Tragseilschuhe wiegen zwei Tonnen und wurden damals per Hand hochgezogen.

Die Karrenseilbahn wird in den kommenden Wochen inspiziert.  VN/Steurer
VN-Foto aus 2016: Die sechs Seilreiter sorgen dafür, dass die Seile den korrekten Abstand zueinander halten. Diese werden monatlich bei laufendem Betrieb inspiziert. VN/Steurer

Regelmäßige Übungen

Die Herbstrevision der Karrenseilbahn wurde abgeschlossen, die Bahn ist ab Freitag, 9 Uhr, wieder in Betrieb.  VN/Steurer
Im Herbst 2022 übte man die Rettung per Rettungsgondel. VN/Steurer

Die Karrenseilbahn wird bei den halbjährlichen Revisionsarbeiten auf Herz und Nieren kontrolliert, zuletzt diesen Winter während des Umbaus und der Erneuerung der Steuerung. Diese Stillstandzeiten nutzen die Bergretter und Mitarbeiter für Notfallübungen. So stehen Rettungsgondeln zur Verfügung, falls die Bahn zum Stillstand käme. Auch Abseilübungen gehören zum Programm der Bergretter, was sich diese Woche bezahlt machte.

Abseilübung Karren
Eine Abseilübung der Bergrettung während der Herbstrevision der Karrenseilbahn 2011. VN

Lothar legte Bahn 1999 lahm

Es ist nicht der erste Windschaden nach der Sanierung in den 1990ern: Am 26. Dezember 1999 riss der Orkan Lothar ein Tragseil vom Schuh der Stütze. Das Zugseil wurde damals ebenfalls über ein Tragseil geworfen. Die Bahn war wegen des Sturms nicht in Betrieb, die Gondeln daher in den Stationen. Die Betriebsunterbrechung dauerte damals einen Monat an, zusätzliche Halterungen wurden an der Stütze installiert. Diese sollten bei Bedarf ausgelöst werden, um das Tragseil der stillstehenden Bahn an die Stütze zu fixieren, um einen Seilabwurf bei Stürmen zu verhindern.

Karrenseilbahn – Wie die tonnenschweren Seile nun geborgen werden müssen
Die sturmgeschädigte Karrenseilbahn im Dezember 1999. Damals stand sie einen Monat lang still. VN
Sturmschaden Karrenseilbahn
Die sturmgeschädigte Karrenseilbahn im Juni 2025. Stadt Dornbirn, Dornbirner Seilbahn AG

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