Hat der Frastanzer Umzug ein Datenschutzproblem?

Vorarlberg / 28.02.2025 • 16:17 Uhr
Fasching Umzug Schaaner Ried Fahren Umzug in Frastanz
Beim Schaaner-Ried-Fahren geht am Faschingsmontag die Post ab. Der Umzug findet traditionell am Abend statt. VN/Paulitsch

Diskussion um Schaaner-Ried-Fahren: Historiker fordert historisches Verständnis.

Frastanz Wenn am Faschingsmontag die Narren durch die Straßen von Frastanz ziehen, dann bekommen die Besucher auch wieder besondere Informationen mitgeliefert. Beim sogenannten Schaaner-Ried-Fahren werden vom Brauchtumsexperten des Frastanzer Faschingskomitees die älteren, unverheirateten Bewohner der Gemeinde – Frauen ab 30 Jahren und Männer ab 35 Jahren – öffentlich ausgerufen und zur Teilnahme an der Fahrt in das Ried bei Schaan aufgefordert. Der Brauch war nicht immer unumstritten. Und heute? Ihm sei keine einzige Beschwerde bekannt, sagt Bürgermeister Walter Gohm. Im Gegenteil. „Ich bin seit über 40 Jahren in Frastanz im Fasching aktiv. Ich habe eher den Eindruck, dass sich der eine oder andere benachteiligt fühlt, sollte er nicht berücksichtigt werden“, sagt er. Es gibt allerdings auch datenschutzrechtliche Bedenken.    

Den Gemeinden ist selbst überlassen worden, wie die Gebührenbremse in welcher Form zur Anwendung kommen soll. Wesentlicher Punkt ist abzuschätzen, was auf die einzelnen Haushalte entfällt. Gut muss man darauf schauen, dass nicht der Verwaltungsaufwand zu groß wird. Walter Gohm, Bürgermeister Frastanz
Der Frastanzer Bürgermeister Walter Gohm. Gemeinde

Das Schaaner Ried, der Ort, an den die Ledigen verbannt werden sollen, versinnbildlicht laut dem Vorarlberger Historiker und Brauchtumsexperten Manfred Tschaikner den sozialen Unwert eheloser und damit „unfruchtbarer“ Personen in archaischen Gesellschaften. Der Brauch geht vermutlich bis ins Spätmittelalter zurück. In Frastanz wird er seit etwas mehr als 100 Jahren gepflegt. „Im Zuge der Brauchtumserfindungen des 19. Jahrhunderts haben sie überall ein bisschen abgekupfert, was ihnen lustig vorgekommen ist und was ein bisschen Stimmung gebracht hat“, erläutert der Brauchtumsexperte. Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte eine Klage von Personen, die sich durch die Vorgänge beleidigt fühlten, zunächst dafür, dass das Schaaner-Ried-Fahren von der Bezirkshauptmannschaft als nächtlicher Unfug und Ruhestörung verboten wurde. Der Umzug wurde daraufhin einen Tag vorher und „in allem Anstande“ durchgeführt. Wurden anfangs nur ledige Frauen ausgerufen, kommen seit den 1920er-Jahren auch die Männer zum Zug.

Hat der Frastanzer Umzug ein Datenschutzproblem?
Brauchtumsexperte Manfred Tschaikner. VN

Christina Lindner von TWP-Anwälte in Dornbirn hält das Ausrufen der Namen für nicht ganz unproblematisch – egal ob Brauchtum oder nicht: „Namen sind, ganz grundsätzlich gesprochen, personenbezogene Daten, daher muss man sich überlegen, ob es datenschutzrechtlich zulässig ist oder nicht. Das hängt von einer Reihe von Umständen ab. ,Unverheiratet‘ geht schon in Richtung sensible Daten. Ich kann mir daher schon vorstellen, dass da jemand sagt, ich mache Schadenersatz geltend“, merkt die Datenschutzexpertin an.  

Es sei ein jahrzehntelanger Faschingsbrauch, dass die Frauen ab 30 und die Männer ab 35, sofern sie ledig sind, ausgerufen werden und eingeladen werden, auf den Ledigenwagen zu kommen, „um dort vielleicht Kontakte zu knüpfen“, entgegnet Bürgermeister Gohm. Die Liste mit den Namen werde zudem jedes Jahr akribisch überarbeitet. „Man kennt in Frastanz die Leute noch und hat die Auswahl auch stark eingeschränkt. Es wird zum Beispiel niemand ausgerufen, der 80 Jahre oder älter ist.“ Faschingskomitee-Präsident Alexander Payer ergänzt: „Fasching ist ein Spaß. Bei der Liste wird geschaut, wer ausgerufen wird.“

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Faschingskomitee-Präsident Alexander Payer.

Für Manfred Tschaikner gibt es bei Diskussionen um historische Phänomene wie das Ausrufen der Namen oder die Funkenhexe eigentlich nur eine Lösung. „Man muss es historisch sehen, und auch historisch verstehen. Statt es als Beleidigung zu sehen oder mich aufzuregen, ist es sinnvoller, wenn ich sage: So ist man früher mit altledigen Leuten umgegangen, weil sie dieses und jenes Interesse daran hatten. Alles hat in einer gewissen Zeit seine Funktion und verliert die Funktion, wenn sich die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Umstände ändern“, unterstreicht der Historiker. Ein Verbot ist für ihn jedenfalls keine Option. Ein großes Problem dabei sei die sogenannte Cancel Culture, die darauf abzielt, Personen, Marken oder Institutionen öffentlich zu verurteilen und sie durch Boykotte, Entlassungen oder soziale Ächtung aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. “Immer wieder werden Bräuche und andere Gepflogenheiten negativ dargestellt und den Leuten moralisierend vorgeworfen. Wenn man das macht, dann tun sie es gerade extra. Die wollen sich nicht irgendwem beugen, der möglichst schlau daherredet und meint, er hat den Zeitgeist gepachtet”, erklärt Tschaikner.