Was von Kardinal Schönborn bleibt

Papst dürfte Rücktrittsgesuch anlässlich des 80ers annehmen. Wer nachfolgen könnte.
SCHWARZACH. Für Kardinal Christoph Schönborn beginnt mit diesem Mittwoch ein neuer Lebensabschnitt. Er feiert den 80. Geburtstag. Das bedeutet, dass er, der 2005 und 2013 als möglicher Kandidat in eine Papstwahl ging, bei einer solchen nicht mehr wahlberechtigt ist. Außerdem dürfte der Heilige Vater sein Rücktrittsgesuch annehmen.
Schönborn ist vorbereitet: Er wird künftig nicht mehr am Wiener Stephansplatz leben, sondern bei einem Bettelorden im Arbeiterbezirk Brigittenau, wo bereits alles eingerichtet ist für ihn, und im niederösterreichischen Retz, wo er eine Wohnung hat.

Als seine Heimat betrachtet er jedoch Vorarlberg. Genauer: Schruns. „Nicht nur, dass er jassen kann, er redet auch gerne im breitesten Montafoner-Dialekt“, weiß Jesuitenpater Georg Sporschill (78), ein Freund des Kardinals. Geboren wurde dieser am 22. Jänner 1945 in Böhmen (Tschechien). Von dort musste seine Mutter mit ihren Kindern bald darauf fliehen. In Schruns wuchs er schließlich als Scheidungskind auf und blieb seiner Mutter Eleonore hier bis zu ihrem Tod vor knapp drei Jahren eng verbunden.
Dieser Abschnitt ist auch insofern relevant, als er Elemente enthält, die Schönborn prägten: „Er ist ein ausgebildeter Dogmatiker“, so Sporschill: „Dogmatiker wissen, wie das Leben gehen müsste, was sein darf und was nicht.“ Das sei das eine. Das andere: „Sein Leben hat ihn sehr menschlich gemacht.“ Es hat ihm gewissermaßen gezeigt, dass Biographien in der Regel abweichen von Vorstellungen einer reinen Lehre und es daher gilt, damit zurechtzukommen.

„Kardinal Schönborn hat der österreichischen Kirche ein neues Gesicht gegeben“, sagt der Theologe Paul Zulehner: „Er hat sie mit ruhiger Hand aus dem Missbrauchsdesaster herausgeführt, er hat aus einer moralisierenden eine heilende Kirche gemacht.“ Zulehner, der 85-jährig gerade das Buch „Zeitenwende“ über diese Kirche verfasst hat, spricht auch von einem „Regenbogenbischof“: Er habe nie den Stab gebrochen über Geschiedenen oder Homosexuellen. „Für ihn zählten Engagement und persönlicher Glaube.“ In der Erzdiözese Wien habe es unter seiner Führung auch „keinerlei Auseinandersetzungen über die Segnung von gleichgeschlechtlich liebenden Paaren gegeben“, so Zulehner.
Georg Sporschill hat er einmal geschrieben: „Es ist nicht entscheidend, ob du katholisch oder orthodox bist, nicht einmal, ob du fromm bist oder nicht, die einzige Frage, die Jesus stellt, lautet: Was hast du dem geringsten meiner Brüder getan? Diese Frage entscheidet im Gericht über unser Schicksal, diese Frage entscheidet heute schon über unser Glück.“

Über sich selbst sagte Schönborn unlängst, er sei manchmal vielleicht zu diplomatisch und harmoniebedürftig gewesen. Das zeugt davon, dass er nicht nur sieht, was auf seiner Habenseite steht. Insbesondere sein Umgang mit Missbrauchsfällen. Als er in den 1990er Jahren noch Wiener Weihbischof war, richteten sich Vorwürfe gegen seinen damaligen Chef, Kardinal Hans Herrmann Groer. Während dieser schwieg, stellten Schönborn und andere Bischöfe fest, sie würden ihrer moralischen Gewissheit nach im Wesentlichen zutreffen. 2010 setzte der nunmehrige Kardinal Schönborn wegen weiterer Skandale eine unabhängige Opferschutzkommission ein. Sie sollte allein bis zum Jahr 2020 in 2300 Fällen insgesamt über 30 Millionen Euro vergeben.
Ein Herz für Flüchtlinge
Bei einem Festgottesdienst, bei dem Schönborn am Sonntag von 4000 Teilnehmern, darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen, gewürdigt wurde, erinnerte er an seine Geschichte als Flüchtlingskind und appellierte: „Ein Herz für Flüchtlinge zu haben, gehört zur Menschlichkeit. Es kann auch unser Schicksal werden.“ Außerdem betonte er, sein größter Wunsch sei: „Das gegenseitige Wohlwollen soll nie verloren gehen, auch wenn wir Konflikte haben.”

Für den 80-Jährigen heißt es nun Abschied nehmen von einer Führungsrolle in der katholischen Kirche. Einen Nachfolger als Erzbischof von Wien, der eines Tages vielleicht auch Kardinal sein wird, hat Papst Franziskus noch nicht bestellt. Das könnte dauern. Als Kandidat gerade hoch im Kurs steht das Salzburger Erzabt Korbinian Birnbacher (58). Immer wieder genannt wird auch der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler (60). Und der Feldkircher Bischof Benno Elbs (64). Mit ihm würde quasi auch in Zukunft ein Vorarlberg an der Spitze er Erzdiözese Wien stehen.