Handyverbot an Schulen

Vorarlberg / 11.12.2024 • 10:36 Uhr
Handyverbot an Schulen

Immer mehr Länder wie Frankreich, Griechenland oder China haben ein generelles Handyverbot an Schulen verordnet. Andere wie Italien, Schweden oder einige deutsche Bundesländer stehen kurz vor diesem Schritt. Selbst im Mutterland der IT-Kommunikation, in Kalifornien, hat man sich entschlossen, die Nutzung von Smartphones während der Schulzeit zu untersagen.

Die Befürworter eines Handyverbots argumentieren mit der permanenten Ablenkung durch unser wichtigstes Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsinstrument. Die vom technischen Wunderwerk ausgehenden Reize stören die Konzentration auf den Unterricht, verschlechtern die Gedächtnisleistungen und minimieren den Lernerfolg. Durch ein Verbot sei das zum Problem gewordene Cyber-Mobbing einzudämmen, die persönliche Kommunikation lasse sich verbessern, die Schüler würden wieder miteinander reden.

„In Österreich hat man sich zu einem typischen Kompromiss entschlossen. Man überlässt die Entscheidung den einzelnen Schulen.“


Weiters wird mit generellen Gesundheitsgefahren permanenter Handynutzung argumentiert, mit Bewegungsmangel, Schlafstörungen und erhöhter Unfallgefahr. Manche Wissenschaftler sehen darin sogar die Hauptursache für den sprunghaften Anstieg des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms, von Depressionen, Ängsten und Süchten bei jungen Menschen. Die Gegner eines Handyverbots weisen darauf hin, dass Smartphones längst Teil der Lebensrealität von Schüler sind und digitale Kompetenz zur Schlüsselqualifikation gehöre. Handys könnten auch in der Schule sinnvoll genutzt werden und Schüler sollten lernen, verantwortungsbewusst damit umzugehen. Viele besorgte Eltern wollen ihre Kinder immer erreichen. Zudem sei ein konsequentes Verbot praktisch schwer umsetzbar und werfe rechtliche Probleme auf.

In Österreich hat man sich zu einem typischen Kompromiss entschlossen. Man überlässt die Entscheidung den einzelnen Schulen, gibt aber „Empfehlungen zum Umgang“ heraus. Diese Lösung ist mutlos. Es wird damit nicht nur auf eine Kernaufgabe jeglicher Pädagogik, nämlich dem Aufzeigen klarer Grenzen, verzichtet, sondern eine einzigartige Chance der flächendeckenden Suchtvorbeugung vertan. Denn der zwischenzeitlich 13-15% der Schüler und Studenten betreffenden Handyabhängigkeit kann nur durch eine Maßnahme wirksam begegnet werden: Durch handyfreie Zeiten, in denen sich die User aus dem großen Netz befreien, wieder in der realen Welt zu leben und sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen lernen. Auf ein solch höchst effektives prophylaktisches Großprojekt, das weitgehend kostenlos wäre, wird leichtfertig verzichtet.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.