Verhungert im Heim: “Das System muss sich ändern!”, fordert der Sohn

Vorarlberg / 12.07.2024 • 12:00 Uhr
Verhungert im Heim: "Das System muss sich ändern!", fordert der Sohn
Die Familie wirft Senecura in Hard vor, dass ihr Vater sprichwörtlich verhungert ist. privat, VN

Familie setzt sich gegen das Vertuschen von schwerwiegenden Problemen zur Wehr. Jörg L. (61) über seinen Kampf gegen Pflege-Missstände im Interview.

Schwarzach Die Geschichte liest sich wie ein Albtraum, und für die Familie war es auch einer. Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters im Senecura-Heim „In der Wirke“ in Hard kämpft sie um Aufklärung.

Der tragische Tod Ihres Vaters liegt bald zwei Jahre zurück. Wie geht es Ihnen bzw. Ihrer Familie?

Jörg L. Man sagt sich, eigentlich alles getan zu haben, was möglich war. Man sagt sich, mehr als zu den Fachleuten gehen und ihnen vertrauen kann man nicht, nur um dann feststellen zu müssen, dass man im Nachhinein, wenn man darüber reden will, versucht, das Ganze auf allen Ebenen zu vertuschen. Das fängt bei der Senecura an, die uns die Pflegedokumentation nicht aushändigen wollte, und geht beim Land weiter.

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Was gab den Ausschlag, den Fall öffentlich zu machen?

Jörg L. Ich habe in den Nachrichten von einem ähnlichen Vorkommnis in Salzburg gehört, wo es wortwörtlich hieß, dass ein Heimbewohner bei lebendigem Leib verdurstet und verhungert ist. Das war mein Stichwort.

Hätten Sie sich sonst nicht an die Öffentlichkeit bzw. an die Rechercheplattform Dossier gewandt?

Jörg L. Es ist immer die Frage, was will man tun. Als ich den Pflegebericht erhielt, fühlte ich mich, um es gut bürgerlich ausdrücken, echt verarscht. Der war so etwas von daneben, dass ich mir dachte, so geht es nicht. Meine Brüder meinten, was willst du denn tun, gegen die kommst du eh nicht an. Ich tat erstmal tatsächlich nichts, weil ich das alles verdauen musste. Dann kam wieder ein Bericht über die Senecura, wobei erwähnt wurde, wer die Geschichte recherchiert hat. Ich setzte mich mit der zuständigen Dossier-Redakteurin in Verbindung, schilderte ihr unseren Fall, und so kam die Sache ins Laufen. Ich bin froh darüber. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft und den Willen gehabt hätte, den Fall mit dieser Prägnanz und Nachhaltigkeit aufzurollen.

Gab es Rückmeldungen an Sie in dieser Zeit?

Jörg L. Nein, es wusste ja nur die Familie davon Bescheid. Kaum jemand trägt so private Dinge nach außen. Wir haben uns untereinander beraten.

 Was erwarten Sie sich von der Veröffentlichung?

Jörg L. Ich erwarte mir, dass am System etwas geändert wird.

Glauben Sie wirklich daran?

Jörg L. Wir sind ja nicht der einzige Fall. Nur einen Monat später passierte im gleichen Heim das Gleiche wieder. Es ist doch bekannt, was geschieht, wenn alles privatisiert wird. Da geht es um Geld und um sonst gar nichts. Genau das haben auch die Recherchen letztlich bestätigt.

Inzwischen ist der Fall beim Patientenanwalt.

Jörg L. Der Patientenanwalt wurde eingeschaltet, weil wir die Akten nicht bekommen haben. Die Senecura weigerte sich, diese herauszugeben. Er hat den Akt erhalten und mir weitergeleitet. Es war nicht die Senecura, obwohl der erste Satz des Ombudsmanns lautete: „Sie haben ein Recht darauf.“ Er wusste allerdings auch, dass schon die Presse im Hintergrund am Thema arbeitet.

Patientenanwalt am Zug

Seit gut drei Wochen ist auch Patientenanwalt Alexander Wolf mit der Causa rund um den tragischen Tod von Franz L. befasst. Ergänzend zur Pflegedokumentation hat er vom Landeskrankenhaus Bregenz die Krankenakte des Verstorbenen angefordert. Er war dort mehrfach behandelt worden. „Es kann sein, dass es noch ein pflegerisches Gutachten braucht“, sagt Wolf. Liegen alle Unterlage vor, gehe es vor allem darum zu prüfen, ob sich seit dem Vorfall 2022 im Heim etwas geändert hat oder es immer noch Missstände gibt. Davon hänge das weitere Vorgehen ab, das er dann mit den Angehörigen besprechen werde. Wolf vertritt noch eine zweite Familie, die sich bei Dossier gemeldet hat.

Einen Zeitpunkt, bis wann die Prüfung abgeschlossen sein könnte, will der Patientenanwalt nicht nennen: „Die Frage ist, ob es dieses pflegerische Gutachten noch braucht”, sagt er. Die Erstellung eines solchen dauere etwa drei bis vier Monate. Genügen die bereits vorliegenden Akten, um den Fall zu untersuchen bzw. einer Aufklärung zuzuführen, gibt es laut Alexander Wolf relativ schnell ein Ergebnis. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass sich der Patientenanwalt mit derlei schwerwiegenden Unzulänglichkeiten in einem Pflegeheim auseinandersetzen muss.

Ihrer Familie würde Schadenersatz zustehen. Verlangen Sie den?

Jörg L. Nein, es muss sich am System etwas ändern. Es muss verbessert werden. Da geht es schließlich um Menschen. Das System verändert man nicht von heute auf morgen, aber jetzt muss der Hebel angesetzt werden. Ich kennen keinen Betrieb in meinem beruflichen Umfeld, der sich so ein Qualitätsmanagement leisten könnte.

Die Senecura hat gegenüber Dossier auf eine Postkarte verwiesen, in dem die Familie dem Pflegeteam nach dem Tod des Vaters gedankt habe und die Dossier gerne veröffentlichen könne. Halten Sie das nicht für sehr zynisch?

Jörg L. Das ist die Art, wie auf allen Ebenen zurückgeschossen wurde. Wir haben uns bei denen bedankt, die tatsächlich vor Ort waren und versucht haben, aus der miesen Situation das Beste zu machen.

Würden Sie sich eine Reaktion der zuständigen Landesrätin erwarten?

Jörg L. Nein, denn wie kann so ein Feedback schon ausschauen? Das kann wieder nur so ausschauen, dass man nichts zugibt, nichts eingesteht, weil das einem Schuldeingeständnis gleichkäme. Ich erwarte mir vielmehr, dass dieses unter den Tisch kehren endlich einmal aufhört.