Idee doch nicht tot? Aquakultur im Bodensee wird diskutiert

Wem gehört der Bodensee? Teil 12: Hitzige Debatten um Zuchtanlagen für Felchen. Nicht alle Fragen zu Netzgehegen geklärt.
Text: Ralf Schäfer, Schwäbische Zeitung
Friedrichshafen Vor acht Jahren wurde die Idee einer Felchenzucht im See geboren. Es gab Widerstand, rechtliche Bestimmungen verhinderten die Umsetzung. Heute aber ist vieles anders.
Im Sommer 2016 wird „Aquakultur im Bodensee“ thematisiert. Im Jahr 2017 gründet sich dazu die Genossenschaft „RegioBodenseefisch“ und spricht konkret über Pläne, Felchen in Netzgehegen aufzuziehen. Man sei in Gesprächen mit einer norwegischen Firma, die die geplanten Netzgehege realisieren solle, sagte damals der Vorsitzende der Genossenschaft, Martin Meichle. Er ist Fischer in Hagnau in Baden-Württemberg und hält die Idee heute für gestorben. Vorsitzender der Genossenschaft ist er noch immer. Doch was wurde wirklich daraus?
Dazu vertritt der stellvertretende Vorsitzende der Genossenschaft, Alexander Keßler, eine sehr klare Position: „Das brennt in unserem Herzen weiter.“ Aber sowohl der politische Wille als auch die Meinung vieler Fischer hätten dazu geführt, dass Stand heute rund 25.000 Euro in den Sand des Bodensees gesetzt wurden und nichts passiert ist.
Das war geplant
Die von der Genossenschaft geplanten Aquakulturen sollten mit Sandfelchen aus dem Obersee besetzt werden und aus einer „nachhaltig zertifizierten Futterquelle“ versorgt werden. Dazu hatte die Fischbrutanstalt einen kompletten Mutterstamm herangezogen, der später aber in den See entlassen wurde.

In geringer Besatzdichte wollten die Genossenschaftsmitglieder „beste Produktqualität durch ein Futtermanagement, ein biologisch zugelassenes Gesundheitsmanagement durch den Verzicht auf Medikamente und die Nutzung von nur einer Impfung sowie hohes Tierwohl in den zwölf Netzgehegen, auf zwei Standorte verteilt“ – so geht es aus einem Strategiepapier der Genossenschaft hervor. Jedes kreisrunde Gehege sollte einen Durchmesser von 20 Metern haben und 40 Meter tief in den See reichen. Damit würde die gesamte Fläche der Netzgehege etwa so groß sein wie zwei Fähren.
Die Netze sollten an Land gereinigt werden, damit keine Reinigungsmittel in den See gelangen. Es werde keine Antibiotika geben, ebensowenig eine „unzumutbare Kot- und Futterbelastung im See“. „Wir wollen ein bio-zertifizierter Betrieb werden“, sagte damals der stellvertretende Vorsitzende Alexander Keßler.
Das ist die Genossenschaft
Die Genossenschaft bestand aus 15 Mitgliedern, darunter Bodenseefischer, Fischverarbeiter, Fischzüchter, ein Jurist, Gastronomen sowie Personen mit Erfahrungen in Bürgergenossenschaften. Die Genossenschaft hatte sich im Juni 2017 gegründet, um den Fangertragsrückgängen der Felchen entgegenzuwirken, um die Importe von jährlich zwischen 500 bis 600 Tonnen Felchen aus dem Ausland unnötig zu machen und das Image des Bodenseefelchen wieder zu stärken.

Seit den 1990er-Jahren geht der Fangertrag bei den Felchen stetig zurück. Gleichzeitig werden aus Kanada, Skandinavien, Russland und Italien pro Jahr 500 bis 600 Tonnen Felchen importiert, die dann am Bodensee als „Felchen nach Bodenseeart“ verkauft werden.
Das sagt die Politik
Agrarminister Peter Hauk (CDU) hatte sich angesichts sinkender Bestände bereits im Jahr 2016 für solche Zuchtanlagen im Bodensee ausgesprochen. Man sehe darin eine Chance, die heimische Fischzucht am Bodensee nachhaltig weiter zu entwickeln, hieß es vom Ministerium.

Die Grünen sahen das anders. „Mit uns wird es am Bodensee keine offenen Netzgehege geben, bei denen Futtermittel und Kot unkontrolliert in den See eingetragen werden. Nach wie vor ist völlig ungeklärt, welche Auswirkungen dies auf die Gewässerökologie, das Trinkwasser und den Tourismus haben kann. Der größte Trinkwasserspeicher Europas eignet sich definitiv nicht für Experimente mit ungewissem Ausgang“, teilten Reinhold Pix (MdL Grüne, Sprecher für Fischerei), und Bernd Muschel, umweltpolitischer Sprecher, in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit.
Die Bodensee-Richtlinie
Die Bodensee-Richtlinie der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) schließt Netzgehege im See explizit aus. Für die Behörden im Land und auch das Landratsamt Konstanz gab es keinen Ermessensspielraum für Abwägungen. Letztlich entscheidend beim bislang gültigen „Aus“ für die Netzgehege im See war die Entscheidung der IGKB, die Bodenseerichtlinie nicht zu ändern, um Netzgehege möglich zu machen.

Die Bodenseerichtlinie ist eine internationale Übereinkunft über den Schutz gegen Verunreinigung vom 27. Oktober 1960. Darin verpflichten sich Länder und Kantone im Einzugsgebiet, die Gewässerschutzmaßnahmen in innerstaatliches Recht umzusetzen. Eine Änderung war damals laut Martin Meichle aber die Voraussetzung für die Aquakultur.
Auch die Fischer waren dagegen
Gegen die Netzgehege hatte sich auch die Mehrheit der Bodenseefischer ausgesprochen. Sie fürchteten Investoren, die an den See drängen, um ihre Netzgehege aufzubauen und hatten Bedenken, dass die Fische, die in den Gehegen aufwachsen, ihre Preise kaputtmachen und sie noch weniger von dem leben können, was sie erarbeiten. Auch Umweltverbände wie der BUND standen den Plänen skeptisch gegenüber. „Wir werden dadurch das Alleinstellungsmerkmal des Wildfisches verlieren“, sagte die Sprecherin des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands, Anita Koops. Netzgehege bergen ihrer Ansicht nach Risiken wie Krankheiten. „Noch sind zu viele Fragen ungeklärt.“
Fischer sollen mitmachen
Die Genossenschaft widersprach dem und hat die Fischer eingeladen, mitzumachen. „Wir sind alle mit der Region verbunden und keiner will die Natur und den Trinkwasserspeicher Bodensee verschmutzen oder unsere Tourismus-Region schädigen. Wir glauben an eine Chance für die Menschen in der Region und die Bodenseefischer;“ sagte Alexander Keßler.

So soll es weitergehen
Es gebe auch andere Ideen, doch dann verabschiede man sich sowohl von den geplanten 600 Tonnen Felchenertrag pro Jahr aus biologisch-zertifizierter Aufzucht als auch von der Bio-Qualität. Das würden Anlagen an Land nicht schaffen. Für Alexander Keßler stellt sich die aktuelle Lage hinsichtlich der Aquakultur im Bodensee als verloren, aber nicht hoffnungslos dar. Eine Anlage an Land könne rund 120 Tonnen Fisch liefern, würde aber auch nicht mit den Fischern zusammen betrieben werden. Das sollten die Netzgehege sehr wohl. Die Idee war, die Fischer in die Genossenschaft zu holen und alle von den Erträgen der Aquakultur im See profitieren zu lassen.
„Im Moment ist das aber nicht realisierbar. Auf der anderen Seite ist die Situation vor drei Jahren aber auch nicht so dramatisch gewesen, wie sie sich heute bei dem Fangverbot darstellt“, sagt Alexander Keßler. Die Bayrische Landesregierung wollte der Aquakultur nur zustimmen, wenn das auch die Berufsfischer täten. Und vielleicht hätten die ihre Meinung ja bisweilen geändert.
Die Felchenzucht als solche sieht Keßler noch immer als erfolgversprechend. Auch an Land könnte die Kinderstube der Felchen großgezogen werden, damit die im See bessere Überlebenschancen hätten. Das gehe aber nur nach ASC Standard, nicht als Biofisch, der in 40 Meter tiefen Netzgehegen im See hätte aufwachsen können. ASC-Standard ist der Aquaculture Stewardship Council, nach dem in Aquakulturen weltweit umweltgerecht gearbeitet wird. Darauf hatten sich Betreiber mit dem WWF im Jahr 2009 geeinigt.
Und so geht es kurzfristig weiter
Die Genossenschaft wird in diesem Sommer ihre achte Jahreshauptversammlung haben und bei dieser Gelegenheit über das weitere Vorgehen beraten. Alexander Keßler dazu: „Ich möchte die Fischer überzeugen, dass sie über den Tellerrand hinausschauen. Auch wenn es eigentlich schon zu spät ist.“
Die Serie ist eine Coproduktion von VN, St. Galler Tagblatt, Thurgauer Zeitung und Schwäbischer Zeitung. Text: Falk Böckheler, Schwäbische Zeitung