Politpersönlichkeiten

Vorarlberg / 15.05.2024 • 16:45 Uhr
Politpersönlichkeiten

Darf das Privatleben in politische Auseinandersetzungen hineingezogen werden? Lassen sich privat und öffentlich kundgetane Meinungen unterscheiden? Darüber schreibt Psychiater Reinhard Haller in seinem VN-Kommentar.

Im Gerüchtediskurs über die EU-Spitzenkandidatin der Grünen, dem an dieser Stelle aus guten Gründen kein Raum gegeben wird, werden mehrere grundsätzliche Fragen aufgeworfen: Darf das Privatleben in politische Auseinandersetzungen hineingezogen werden? Lassen sich privat und öffentlich kundgetane Meinungen unterscheiden? Welche Charaktereigenschaften sollten Politiker haben und kommen diese in deren Funktionen anders zum Tragen als im privaten Verhalten?

Um es vorweg zu nehmen: Öffentlich preisgegebene Meinungen müssen nicht mit den im vertrauten Kreis geäußerten übereinstimmen. Überlegungen lassen sich unterschiedlich darlegen und Konzepte sind austauschbar. Verhaltensweisen sind leicht zu verändern und Überzeugungen können gut als politisch oder privat deklariert werden. Nicht aber Persönlichkeit und Charakter. Persönlichkeit als Gesamtheit der psychischen Eigenschaften, die dem Menschen unverwechselbare Individualität verleihen, ist konstant und nicht verstellbar. Auch der Charakter, der Einstellungen und Werthaltung umfasst, lässt sich nicht zwischen öffentlichem und privatem Bereich aufteilen. Dies wäre gekünstelt, bedeutete Notwendigkeit einer  Persönlichkeits- und Verhaltensfassade, hieße mehr Schein als Sein und führte zwangsläufig zur Auflösung der Authentizität. Die jetzt von manchen Seiten geforderte Abgrenzung von gezeigtem und gelebtem Charakter wäre somit nichts anderes als eine  Persönlichkeitsspaltung – im pathologischen Sinn des Wortes.

Persönlichkeit und Charakter der Kandidaten haben größeren Einfluss auf das Wahlverhalten als deren politische Programme. Das klassische Beispiel hat John F. Kennedy geliefert, als er aus einer Außenseiterposition mit der Frage: „Würden Sie diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen?“ im US-Wahlkampf 1960 die entscheidenden Stimmen gewonnen hat. Dabei hat er das Publikum nicht nach den politischen Konzepten des haushohen Favoriten Richard Nixon gefragt, sondern nach dessen vermutetem Charakter. Im negativen Sinn sieht man die Faszination, welche spezielle Persönlichkeitseigenschaften ausüben, in den beunruhigenden Wahlerfolgen, welche narzisstisch agierende Politgestalten derzeit weltweit haben.    

In einer Epoche, in der auch auf europäischer Ebene die das Idealbild von Politikerpersönlichkeiten verwirklichenden Charismatiker vermisst werden, sollten wir uns bei allen Wahlen auch das Wort von Oskar Wilde vor Augen halten: „Persönlichkeiten, nicht Prinzipien, bringendie Zeit in Bewegung.“