Gewalt an den Schulen: “Wir können Elternproblematik nicht lösen.”

Vorarlberg / 25.02.2024 • 17:10 Uhr
<p class="caption">Bedrohungsszenario in einer Schulklasse. Besonders Lehrerinnen fühlen sich gegenüber kräftigen Jugendlichen oft hilflos.<span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker">Symbolbild: Fotolia</span></p>
Bedrohungsszenario in einer Schulklasse. Laut Experte nehmen Fälle von Gewalt an Vorarlberger Schulen zu. Symbolbild: Fotolia

Andere Kulturen, andere Sitten, geringes Bildungsniveau: Die Wurzeln von Gewalt an heimischen Schulen.

Darum geht’s:

  • Es gibt immer mehr Gewaltvorfälle an Vorarlberger Schulen.
  • Das Schulsystem kann die Probleme in den Elternhäusern nicht lösen.
  • Maßnahmen zur Eindämmung von Gewalt, wie Training von Sozialkompetenzen, werden umgesetzt.

Bregenz In einer Lustenauer Mittelschule geht ein schulfremder Jugendlicher mit Fäusten auf den Direktor los, in Bregenz schüchtern drei von außen kommende Burschen den Schulleiter ein: Zwei von mehreren Vorfällen, die sich in letzter Zeit an Vorarlberger Bildungsstätten abspielten. Was tun gegen zunehmende Gewalt an Orten, die sicher sein sollten, auch wenn diese Gewalt nicht an der Tagesordnung steht?

Möglichkeiten nützen

Christian Kompatscher (57) ist in der Bildungsdirektion Vorarlberg eine jener maßgeblichen Personen, die sich mit dem Problem von Gewalt an den heimischen Schulen auseinanderzusetzen hat. Kompatscher, früher Direktor an der Brennpunktmittelschule Bregenz-Rieden, ist als Schulqualitätsmanager für die Bereiche Inklusion, Sonderpädagogik und Diversität zuständig. Er räumt ein, dass das System zwar einiges gegen Gewaltexzesse an Schulen tun könne, es aber auch Grenzen gebe. “Wir können die Situation in den Elternhäusern nicht beeinflussen. Wir müssen uns auf Möglichkeiten in unserem Wirkungsbereich konzentrieren.”

Gewalt an den Schulen: "Wir können Elternproblematik nicht lösen."
Christian Kompatscher ist an der Bildungsdirektion Vorarlberg unter anderem für Diversität zuständig. Es würden Maßnahmen gegen das Gewaltproblem gesetzt, sagt er. Bildungsdirektion

Autoritätsverlust

Laut Kompatscher sind konkrete Maßnahmen zur Eindämmung von Gewalt geplant bzw. bereits in Umsetzung. “Wir forcieren das Training von Sozialkompetenzen nach einem klaren Konzept. Wir verfolgen eine Strategie im Deeskalationsmanagement, wir bilden zwei Lehrpersonen zu Experten in diesem Bereich aus.” All dies und noch mehr sei notwendig, weil das traditionelle Amtsverständnis von Lehrern und deren unumstrittene Akzeptanz als anerkannte Autoritäten schon längst Geschichte sei. Es gehe unter anderem um die Erziehung zu einem Demokratieverständnis und um Konfliktlösung.

Mittelschule Rheindorf Fassade
Auf diesem Vorplatz wurde unlängst der Schuldirektor von einem schulfremden Jugendlichen tätlich angegriffen. VN/von Sontagh

Bildungsferne Schichten

Der Schulqualitätsmanager spricht von Personengruppen, die zur Konfliktlösung keine Ausdrucksmöglichkeit hätten, deren Verständnis von Konfliktlösung sich oft auf körperliche Gewalt und Drohungen beschränke. “Es handelt sich dabei um bildungsferne Schichten. Wie mit diesen umgegangen werden soll, ist eine politische Geschichte. Das kann nicht unsere Aufgabe sein”, sagt Kompatscher.

Im Fall von exzessiver Gewalt wie zum Beispiel an der Lustenauer Mittelschule können die Schulen Anträge auf drastische Maßnahmen stellen. Diese reichen von sonderpädagogischem Förderbedarf bis zum Schulverweis. “Je nachdem wie gut diese Anträge begründet sind, können sie schnell angenommen bzw. auch abgelehnt werden”, sagt Markus Juranek, Leiter der Präsidiale der Bildungsdirektion Vorarlberg. Auch die Maßnahme der vorübergehenden Suspendierung verhaltensauffälliger Schüler ist vorgesehen. Die Jugendlichen halten sich zu Hause auf und werden dort regelmäßig von Sozialarbeitern kontrolliert.

Mittelschule Bregenz-Stadt Fassade Gebäude Eingang
Auch an der Mittelschule Bregenz-Stadt musste der Direktor unangenehme Minuten mit Eindringlingen erleben. VN/Paulitsch

Suspendierung, Schulverweis

Laut Juranek gab es im vergangenen Schuljahr 99 Suspendierungen, 2020/2021 waren es 78.

<p class="caption">Der oberste Schuljurist, Markus Juranek, war bei „Vorarlberg live“ zu Gast. </p>
Markus Juranek, Leiter der Präsidiale der Bildungsdirektion Vorarlberg, weiß um die Möglichkeiten des Systems bei schwerwiegenden Vorfällen. VorarlbergLIVE

An der Mittelschule Rheindorf in Lustenau war dem Kollegium diese Maßnahme zu wenig. Die den Konflikt auslösende Schülerin wurde dort nach einstimmigem Beschluss des Lehrerkollegiums mit Zustimmung der Bildungsdirektion von der Schule verwiesen und einer anderen Schule zugeteilt.