Teuerung dämpft Kinderwunsch in Vorarlberg

Gemessen an der Bevölkerung gibt es in Vorarlberg so wenige Geburten wie noch nie.
SCHWARZACH. Egon Rücker, Leiter der Landesstatistik, und Lea Putz-Erath von der Frauenberatungsstelle „Femail“ haben es schon im Herbst geahnt: Der laufende Geburtenrückgang könnte mit den vielen Krisen zusammenhängen, erklärten sie in den VN. Isabella Buber-Ennser von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bestätigt es: Aufgrund all der Unsicherheiten würden Familienplanungen geändert, daher gebe es auch weniger Geburten.
Die Zahlen sind deutlich: Vorläufigen Angaben zufolge wurden 2023 in Vorarlberg gerade einmal 3895 Kinder zur Welt gebracht. 2021 handelte es sich noch um 4295. Zuletzt waren es also um 400 bzw. knapp ein Zehntel weniger.
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In der Vergangenheit hatte es schon Jahre mit noch weniger Geburten gegeben. Gemessen an der Bevölkerung waren es aber noch nie so wenige wie heute. Ein rückläufiger Trend hing bisher im Übrigen eher damit zusammen, dass Familiengründungen immer später stattfinden und Familien kleiner werden. Wenn es zwischendurch einmal mehr Geburten gab, fiel das mit Phasen verstärkter Zuwanderung zusammen.

Beim nunmehrigen Rückgang, der auch in anderen Ländern festgestellt wird, wirkt sich etwas anderes aus: Krisen, wie Isabella Buber-Ennser erklärt. Sie ist regelmäßig an Umfragen zum Thema beteiligt. Ergebnis: „In der Pandemie haben noch wenige gesagt, dass sie ihre Familienplanung geändert haben. Dann kamen der Ukraine-Krieg und die Teuerung. Da haben wir gesehen, dass das Ganze anschlägt: 30 Prozent erklärten, dass sie ihren Kinderwunsch geändert haben oder dass sie sich diesbezüglich unsicher geworden sind.“ Als Hauptgrund werde die Teuerung genannt.
„Ein Kind zu bekommen, ist eine sehr, sehr langfristige Entscheidung“, so Buber-Ennser: „Wenn Unsicherheitsfaktoren daherkommen, wird gezögert.“ Das bedeute nicht, dass der Wunsch ganz aufgegeben werde. Es heiße eher, dass Pläne überprüft und vielleicht überarbeitet werden. Dass wegen der hohen Zinsen zum Beispiel anstelle eines Hausbaus eine größere Mietwohnung ins Auge gefasst wird, um sich ein Leben als Familie leisten zu können.

„Zu einem großen Babyboom wird es in naher Zukunft nicht mehr kommen“, ist Buber-Ennser überzeugt. Für einige Eltern werde es zu spät sein für eine Familiengründung. Und daneben gebe es mehr und mehr Junge, die ausdrücklich angeben, kinderlos bleiben zu wollen. Vor allem bei Männern sei das der Fall. Bei ihnen habe sich der Anteil in den vergangenen Jahren auf 16 Prozent verdoppelt. Bei Frauen handle es sich um knapp zehn Prozent.

Während es immer weniger Geburten gibt, kommt es parallel dazu zu immer mehr Sterbefällen. „Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Gesellschaft altert und die Bevölkerung gerade bei den über 80-Jährigen stark wächst“, analysiert Egon Rücker von der Landesstatistik. Bis 2019 gab es in Vorarlberg durchschnittlich etwas mehr als 3000 Sterbefälle pro Jahr. In den Corona-Jahren und dabei vor allem 2022, als im Dezember eine schwere Grippewelle dazu kam, waren es mit bis zu 3656 viel mehr. 2023 waren es dann 3294 und damit laut Rücker wieder ein Niveau, das mit der Alterung erklärbar ist.