Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Nie vergessen

Vorarlberg / 18.01.2024 • 05:30 Uhr

Angesichts der Unkenrufe, die vornehmlich in Wahljahren von EU-Skeptikern durchs vereinigte Europa hallen, hat mir Frau Ammann dringend empfohlen, wieder mal ein Plädoyer für die Union zu halten, was mir in Zeiten wie diesen leicht fällt. Wir sollten nämlich nie vergessen, weshalb dieses einmalige Friedensprojekt entstanden ist – nämlich aus dem Geist der Gründerväter, deren Generationen 100 Millionen Tote in zwei aus Nationalismus entsprungenen Weltkriegen zu verantworten hatten, nie vergessen, dass Europas „Vaterländer“ über lange Epochen blutgetränkte Schlachtfelder waren, weil sich aggressive Nationalstaaten in den Haaren lagen und wir, die wir seit bald dreißig Jahren unter dem Dach der Union leben, zu den glücklichen Generationen gehören, die die längste Friedensperiode in der Geschichte unseres Kontinents erleben durften.

„Österreich ist einer der Hauptgewinner des EU Binnenmarktes, und trotzdem kann die FPÖ das Liebäugeln mit dem Öxit nicht lassen.“

Wir sollten nie vergessen, daß die Skeptiker, die den Euro schon als „Teuro“ verschrien hatten, danebenlagen, dass der Euro im Stande war, Finanzkrisen zu überstehen, dass der österreichische Warenaustausch seit dem EU-Beitritt 1995 massiv belebt wurde und die Exporte sich verdreifacht haben. Österreich ist also einer der Hauptgewinner des EU Binnenmarktes, und trotzdem kann die FPÖ das dumme Liebäugeln mit dem Öxit nicht lassen. „Es war ein fataler Fehler, Teil dieser EU zu werden“ sagte Vilimsky, ihr Delegationsleiter, sozusagen in Putins „Sold“, dessen Agenda eine Destabilisierung Europa ist.
Dabei ist jedem vernünftigen Menschen klar, welch katastrophale Folgen ein Austritt für uns haben würde, die Engländer können ein trauriges Lied davon singen und würden gerne alles wieder rückgängig machen. Es wird immer rätselhafter, wie es in unserm besonnenen Österreich möglich ist, dass ein Politiker die Umfragen anführt, der diktatorische Bonzen wie Putin und Orban schätzt und Politiker anderer Parteien auf eine „ Fahndungsliste“ setzt. Glauben die wirklich, dass eine „Festung Österreich“ die Probleme lösen wird? Das Gegenteil wäre der Fall. Ohne Einbindung ins Europäische Sicherheitskonzept sind wir schwach und allein zu Haus. Weder Klimawandel noch Wirtschaft noch Migranten machen vor Grenzen halt.
Frau Ammann verwies mich auf eine durchaus kritische Brandrede für Europa, die der Schriftsteller Robert Menasse einst im Dom zu Aachen als „Predigt“ formuliert hatte:
„Die Erfahrung der Gründergeneration haben sich leider in nachfolgenden Politikergenerationen nicht niedergeschlagen“ lautet sein Resümee. “Europa ist blockiert und bedroht durch das Unverständnis und die Uneinsichtigkeit vieler unserer politischen Repräsentanten, die, gefesselt von nationalen Sachzwängen, statt entfesselt von der befreienden europäischen Idee, ihre Ämter anstatt die Idee zu retten versuchen.“
Und noch ein Satz, der Vernunft vor Emotionen stellt: „Wenn Meinungsumfragen unsere Geschicke regiert hätten, statt weitblickende Politiker, Europa wie es heute ist und morgen sein könnte wäre ein Ding der Unmöglichkeit.“

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.