Das Kind in uns

Das Kind ist noch ganz klein. Die Mama muss es auf dem Arm tragen. Manchmal versucht es schon, sich am Stuhlbein hochzuziehen. Dann werfen die Eltern einander glückliche Blicke zu.
Das Kind staunt aus großen, klaren Augen in die Welt. Hältst du ihm den Finger hin, greift es zu. Bietet der Vater ihm Kekse an, nimmt es sich zwei. Dann tadelt der Vater sein Kind. Aber in dem Tadel schwingt so viel Liebe mit, dass die pädagogische Volte nur den allerkleinsten Kreis beschreibt. Niemand kann sich etwas Hilfloseres und gleichzeitig Entwaffnenderes vorstellen als so ein Kind. Ob uns die christlichen Kirchen am Ende eines jeden Jahres deshalb auf ein Neugeborenes verweisen, wenn die Wünsche nach Frieden und Freiheit wieder einmal übermächtig werden?
So ein Kind verkörpert uralte, ureigenste Sehnsüchte. Einmal wieder in einer Welt leben dürfen, in der das größte Vergehen darin besteht, zwei Kekse zu naschen statt einem. Oder die Katze am Schwanz zu ziehen. Sehnen wir uns in unseren einsamsten Stunden nicht danach, wieder einmal ohne Gegenleistung in den Arm genommen zu werden? Wünschen wir uns nicht das Staunen zurück anstelle des erschreckenden Erkennens? Dabei wäre auch das Kind in uns noch immer da. In manchen Menschen atmet es kaum mehr. Dabei könnte es einiges geraderücken, wenn wir es nur zu Wort kommen ließen.