Wachsende Gruppe der 100-Jährigen

Vorarlberg / 24.12.2023 • 11:00 Uhr
„Im 21. Jahrhundert geht es nicht darum, älter, sondern gesund und bei hoher Lebensqualität älter zu werden“, betont Gesundheitsexperte Martin Sprenger. <span class="copyright">Foto: APA</span>
„Im 21. Jahrhundert geht es nicht darum, älter, sondern gesund und bei hoher Lebensqualität älter zu werden“, betont Gesundheitsexperte Martin Sprenger. Foto: APA

Bevölkerungsprognose geht längerfristig von über 1000 sehr alten Menschen im Land aus.

SCHWARZACH. Der Publizist Armin Thurnher (74), der in Niederösterreich zu Hause ist, schreibt immer wieder über seine Mutter, die in Bregenz lebt. Im vergangenen August etwa war der Anlass ihr Geburtstag. Genauer: ihr 104. Geburtstag. Ein solches Alter ist trotz fortschreitender Alterung noch immer außergewöhnlich: Derzeit gibt es in Vorarlberg – bei mehr als 400.000 Einwohnern – rund 50 ab 100-Jährige.

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Vorerst dürfte sich die Zahl kaum ändern. Davon geht man jedenfalls bei der Statistik Austria in einer Bevölkerungsprognose aus. Begründung auf Anfrage der VN: Bei den Männern habe der Zweite Weltkrieg bei den Geburtsjahrgängen bis 1927 Spuren hinterlassen. Zudem sei der Jahrgang 1924 etwas schwächer besetzt gewesen. Eine Spätfolge davon wird heute sichtbar: Es gibt nicht mehr so viele Menschen, die 100 und älter werden können.

Das wird sich jedoch ändern. In der Langfristprognose wird damit gerechnet, dass die Gruppe der ab 100-Jährigen in Vorarlberg in den 2040ern auf über 200 und in den 2080ern auf über 1000 steigen wird. Marc Luy (53), der am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auf Langlebigkeit spezialisiert ist, findet die Prognosen der Statistik Austria plausibel. Die Erklärung dafür ist einleuchtend: All jene, die im Laufe dieses Jahrhunderts ein so hohes Alter erreichen können, sind bereits geboren.

Blick aufs Rheintal: Über 400.000 Menschen leben in Vorarlberg, nur gut 50 sind 100 Jahre oder älter. Das ist noch immer außergewöhnlich.<span class="copyright"> Foto: VN/Steurer</span>
Blick aufs Rheintal: Über 400.000 Menschen leben in Vorarlberg, nur gut 50 sind 100 Jahre oder älter. Das ist noch immer außergewöhnlich. Foto: VN/Steurer

Zweitens: Laut Luy wird die Lebenserwartung kaum sinken. Die Frage ist allenfalls: Wird sie einfach immer weiter zunehmen? Diesbezüglich ist Luy vorsichtig: „Ich würde die Trends so interpretieren, dass sich die Zunahme verlangsamen wird.“ In den 1950ern lag die Erwartung bei Männern kaum über 60 und bei Frauen bei keinen 70 Jahren. Gegenwärtig beträgt sie bei Männern rund 80 und bei Frauen 85. Je nach Annahme könnten im Laufe dieses Jahrhunderts noch einmal jeweils gut fünf bis zehn Jahre dazukommen – also nicht mehr gar so viel.

Doch was weiß man? Luy berichtet von Optimisten und Pessimisten. Die einen würden zum Beispiel darauf hinweisen, dass wissenschaftliche Errungenschaften schon bisher dazu geführt hätten, dass Erwartungen übertroffen wurden. Die anderen würden davor warnen, dass es künftig mehr Infektionskrankheiten und Epidemien geben könnte. Nachsatz: „Kaum haben sie das gesagt, kam Corona.“

Bei Frauen ist der Raucheranteil viel später höher geworden als bei Männern. Das mache sich jetzt bei der Entwicklung der Lebenserwartung bemerkbar, wie Marc Luy berichtet.  <span class="copyright">Foto: APA</span>
Bei Frauen ist der Raucheranteil viel später höher geworden als bei Männern. Das mache sich jetzt bei der Entwicklung der Lebenserwartung bemerkbar, wie Marc Luy berichtet. Foto: APA

Im Moment sei feststellbar, dass sich die Entwicklung bei Frauen eingebremst habe: „Bei ihnen hat die Rauchersterblichkeit spürbare Effekte“, so Luy. Bei den Männern sei das schon in den 1960er-Jahren der Fall gewesen. Sie haben damals viel eher zur Zigarette gegriffen. Frauen haben schließlich nachgezogen.

Das Streben, die Lebenserwartung immer weiter zu erhöhen, sei nicht mehr das Thema. Das betont jedenfalls der Gesundheitsexperte Martin Sprenger. Er meint gegenüber den VN: „Im 21. Jahrhundert geht es nicht darum, älter, sondern gesund und bei hoher Lebensqualität älter zu werden.“ Schon das sei eine große Herausforderung: „Die Erhaltung und Förderung der Gesundheit hatte in Österreich noch nie einen hohen Stellenwert.“ Priorität habe eher, Krankheiten zu behandeln.