Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Das Wunschhaus 2

Vorarlberg / 20.12.2023 • 07:30 Uhr

Wieder ein Tag mit Sonne, schon am Morgen. Die Frau bügelt ihr rotes Kleid, zieht es an, und ihr Mann, der noch im Bett liegt, sagt: „Was hast du vor, willst du wieder zu dem Haus?“
„Das werde ich tun, jetzt gleich gehe ich los“, sagt sie, „ich gehe barfuß. Sag Eva, wenn sie fragt, wo ich bin, dass ich mit einer guten Nachricht zurückkomme.“

„Die Frau im roten Kleid gab ihm die Hand, die eisig war.“

Eva, die Achtjährige, saß auf dem Teppich und redete mit verschiedenen Stimmen, das hieß, sie war mitten in einem Theaterstück, jetzt gerade sprach sie mit Vaterstimme, tief und vernünftig: „Hör zu, Frau, wir müssen vernünftig sein …“
Die Frau im roten Kleid hatte vergessen sich zu kämmen, ihre Haare lockten sich und fielen auf die Schultern. Sie sprang über Steine, denn er Weg zum Haus war nicht geteert.

Der alte Mann stand auf den Steinstufen.
„Du bist ja schon hier“, sagte er. „Ich habe eben von dir geträumt. Meine Töchter waren da und haben mich gebadet. Ich bin ganz frisch. Ich trage meine besten Sachen. So können sie mich dann in den Sarg legen.“
Die Frau im roten Kleid gab ihm die Hand, die eisig war.
„Wie war doch gleich dein Name“, fragte der alte Mann.
„Ich bin die Maria.“
„Komm und setzt dich zu mir in die Küche. Meine Töchter haben Kuchen mitgebracht. Von der Konditorei. Sie selbst können nicht backen. Magst du Kuchen?“
„Eigentlich nicht“, sagt Maria, „ist meistens zu süß.“
„Was ich dir sagen muss“, sagte der Mann. „Ich habe das mit meinen Töchtern besprochen. Ich verkaufe euch das Haus, für das Geld, das ihr habt. Wieviel ist es? Sicher zu wenig, das soll aber kein Thema sein. Meine Töchter sind damit einverstanden. Ich darf in dem Haus aber noch wohnen, bis ich tot sein werde. Du sorgst dich um mich, das heißt, du ziehst mich an, badest mich, ich esse mit euch, esse nur sehr wenig. Wenn du Zeit hast, kommst du mit deiner Familie nächsten Sonntag, meine Töchter werden da sein, und sie wollen einen Vertrag machen. Alles so, wie es sich gehört. Sie können sich nicht mehr um mich kümmern, sie wollen es nicht, sie ziehen weg, jede in eine andere Stadt. Euer kleines Mädchen kann mir Gesellschaft leisten. Ich sehe immer weniger. Ihr habt schöne Stimmen, was eine Voraussetzung ist. Es gibt so wenig schöne Stimmen. Denn wenn ich blind sein werde, kann ich nur eure Stimmen hören. Das wird mich glücklich machen. Bist du einverstanden?

„Sag mir deinen Namen“, sagte Maria.
„Ich heiße Thomas und war einmal ein Architekt gewesen. Dieses Haus habe ich selber gebaut.“
„So schön ist es bei dir, Thomas“, sagt Maria. „Gleich werde ich losgehen und meiner Familie berichten.“
Sie umarmte den alten Mann und verschwand.
„Nimm doch noch Kirschen mit“, rief ihr der alte Mann nach. „Eine Leiter lehnt am Stamm. Ein Körbchen steht bereit. Sie sind so süß!“

Die Stimme der kleinen Eva würde wie ein Glöckchen klingen.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.