Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Corona! Und?

Vorarlberg / 02.12.2023 • 06:30 Uhr

Die Verunsicherung ist greifbar: Noch nie hat es eine so große Corona-Welle gegeben. Seit dem Sommer steigt die Virenkonzentration, die im Abwasser festgestellt wird. Seit zwei, drei Wochen übertrifft sie sogar alle bisherigen Werte. Das ist ein Hinweis darauf, dass sehr viele Menschen infiziert sind. Dass es viele sind, erkennt man im Übrigen daran, dass immer mehr Bekannte das Bett hüten müssen.

Schlimm? Es gibt Leute, die irritiert sind: Es ist Corona – und nichts passiert. Beziehungsweise fast nichts. Der Gesundheitsminister rät dazu, in Spitälern, Pflegeheimen und Arztpraxen wieder Maske zu tragen. Aber sonst? Diese Stille ist für manche verstörend, weil in den vergangenen Jahren das glatte Gegenteil davon die Regel war: Lockdown! Bald wird jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben ist! Impfpflicht!
Jetzt wirkt es so, als wäre alles egal. Das ist mit Sicherheit einer der Faktoren, die zum massiven Glaubwürdigkeitsverlust der Politik beitragen. Sie ist von einem Extrem ins andere gekippt. Das ist misstrauensbildend.

„Zu viele Politiker trauen sich nicht mehr, über Corona zu reden. Impfung ist ein Tabuwort geworden.

In Wirklichkeit könnte man ein Stück weit erleichtert sein über die gegenwärtige Corona-Lage: Zu Beginn der Pandemie führte eine Erkrankung mit ungleich größerer Wahrscheinlichkeit auf die Intensivstation und zum Tod. Einige Beschränkungen haben dazu beigetragen, noch Ärgeres zu verhindern. Vor allem aber hat die Wissenschaft Großartiges geleistet: Behandlungsmöglichkeiten und die Impfung haben dem Virus den Schrecken genommen. Trotzdem gibt es Dinge, die das alles trüben: Zu viele Politiker trauen sich nicht mehr, über Corona zu reden. Impfung ist ein Tabuwort geworden. Am weitesten geht man in Niederösterreich unter Verantwortung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). Dort will man ausdrücklich keine Werbung mehr für die Impfung machen, also auch nicht darüber informieren.

Eine verhängnisvolle Entwicklung hat ihren Lauf genommen und mag nicht mehr aufgehalten werden: Eine Corona-Maßnahmen-Kommunikation, die eher Angst macht, sowie die Impfpflicht haben das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt war. Bei nicht wenigen Menschen haben sie die Ohren verschlossen oder zu einer Abwehrhaltung geführt, bei einigen zu einer Verhärtung. Auf politischer Ebene wird das von FPÖ-Chef Herbert Kickl aufgegriffen. Es ist Teil seines Erfolgs. Der Rest wagt es nicht mehr, das Thema auch nur anzustreifen.

Man muss sich nicht einmal ausmalen, was das im Hinblick auf weitere Pandemien in Zukunft bedeutet. Es geht auch darum, was jetzt ist: Besonders für Ältere und Geschwächte ist Corona noch immer nicht nur ein Klacks. Für Schulen, Spitäler, Pflegeheime und viele andere ist es nicht egal, wenn bei ohnehin schon bestehender Personalnot noch mehr Leute krankheitsbedingt ausfallen. Da wäre es wichtig, dass wieder mehr über Empfehlungen bis hin zur Auffrischungsimpfung geredet wird. Wobei es halt auch eine Politik brauchen würde, die ihre Möglichkeiten dazu nützt und das verstärkt – nüchtern, sachlich und zur Orientierung der Masse, die empfänglich dafür ist.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.