„Papa, bitte hör’ auf zu trinken“

Martin, der Sohn eines alkoholkranken Ehepaares, verfiel mit 15 Jahren selbst dem Alkohol. „Ich trank bis zum Umfallen.“ Mithilfe der Anonymen Alkoholiker schaffte der dreifache Vater den Ausstieg aus der Sucht.
Schwarzach Martins Kindheit war eine einzige Katastrophe. Seine Eltern waren alkoholkrank. „Ich bin mit Mama und Papa regelmäßig ins Gasthaus gegangen. Dort habe ich den ganzen Tag verbracht – mit Limo und Süßigkeiten“, erinnert sich Martin (65), der als Einzelkind aufwuchs. Zu Hause gab es viel Streit. „Mein Vater schlug meine Mutter. Ich bin oft dazwischengegangen. Aber dann ging Papa auf mich los. Ich rettete mich mit einem Sprung aus dem Fenster.“ Auch Martins Mutter war gewalttätig. „Sie schlug mich oft.“
Im Alter von neun Jahren verlor Martin seine Mama. „Sie starb nach einem epileptischen Anfall neben mir im Bett. Ich wollte sie am Morgen wecken, aber sie hat sich nicht gerührt.“ Der Bub war geschockt. Er befürchtete auch, dass man ihn nach dem Tod der Mutter in ein Heim bringt. Und so war es dann auch. Ein Kinderheim im Oberland nahm den Halbwaisen auf. Aber auch dort ging es rau her. „Wenn ich nicht gehorchte, schlugen mich die Schwestern mit einem Elektrokabel.“ Martin wollte weg. „Ich dachte mir: lieber allein daheim als im Heim.“
Nach einem Ort der Geborgenheit gesucht
Nach zwei Jahren im Heim konnte er zu seinem Vater zurückgehen, der in einer Fabrik arbeitete. „Ich war den ganzen Tag allein und lungerte herum. Ich suchte nach einem Ort der Geborgenheit. Aber ich fand keinen.“ Zu Hause wartete Martin oft vergeblich auf seinen Vater. „Ich musste Papa abends in den Gasthäusern suchen. Manchmal fand ich ihn sturzbetrunken in einem Lokal.“ In den seltenen Zeiten, in denen er nüchtern war, war Martins Vater ein überaus netter Mensch. „Da war er zum Gernhaben, so wie man sich einen Vater wünscht.“
Als Martin 13 war, kam ihm der Vater für ein halbes Jahr ganz abhanden. „Papa musste ins Gefängnis.“ Sein minderjähriger Sohn kam vorübergehend bei Nachbarn unter. „Aber für die war ich ein unliebsames Anhängsel.“ Trotz der widrigen Umstände schaffte Martin den Schulabschluss. Er absolvierte auch eine Lehre zum Maler. Der Lehrling wohnte inzwischen im Kolpinghaus. „Dort fühlte ich mich wohl.“ Martins Vater lebte im Pflegeheim. „Ich war 17, als er starb: Leberzirrhose.“
„Ich gestand mir ein, dass ich krank bin und dem Alkohol gegenüber machtlos bin. Ich kapitulierte und übergab mich einer höheren Macht. Ab diesem Moment musste ich nicht mehr trinken.“
Martin, trockener Alkoholiker
Doch auch Martin wurde der Alkohol zum Verhängnis. Nach der Arbeit trank er gerne einen über den Durst. „Ich habe mit 15 Jahren begonnen Alkohol zu trinken und gleich mehr getrunken als meine Kollegen. Sobald ich angefangen hatte zu trinken, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich trank bis zur Besinnungslosigkeit.“ Der Alkohol tat seine Wirkung. Mit ihm entfloh Martin der Realität und seinen inneren Dämonen. Aber weil der alkoholsüchtige Mann immer öfter abstürzte und im Krankenstand war, musste er mehrmals seine Arbeitsstellen wechseln.
Seiner Frau, die er mit 17 kennengelernt hatte, versprach Martin tausendmal, „dass ich mit dem Trinken aufhöre“. Als sie drohte, ihn zu verlassen, machte er im Krankenhaus Maria Ebene einen Entzug. „Primar Reinhard Haller sagte zu mir, dass die Nachbetreuung wichtig ist. Aber ich war der Meinung, dass ich das nicht brauche.“ Nach dem mehrwöchigen Entzug rührte er drei Monate lang keinen Tropfen Alkohol an. Aber dann wurde er wieder rückfällig. „Ich ging mit Kollegen Mittagessen. Jeder bestellte ein Bier. Da habe ich mir auch eines bestellt.“ Es blieb nicht bei dem einen. „Ich konnte an diesem Tag nicht mehr aufhören zu trinken, zog von einem Lokal ins andere. Ich hatte einen kompletten Absturz. Danach ließ ich mich in die Valduna einliefern.“
Bis zu einer Kiste Bier am Tag getrunken
Der suchtkranke Mann wollte mit dem Trinken aufhören, aber es gelang ihm nicht. „Ich konnte bis zu einer Kiste Bier am Tag trinken.“ Nach einem neuerlichen Absturz erinnerte er sich an die Worte seines ehemaligen Religionslehrers Kaplan Bonetti. „Wenn ihr nicht mehr wisst wohin, dann könnt ihr zu mir kommen.“ Martin suchte den Kaplan auf und berichtete ihm von seiner Alkoholsucht und seinem Leid. „Bonetti ging dann zu meinem Chef und erzählte ihm alles.“ Martin rechnete mit der Kündigung. „Doch mein Vorgesetzter bat mich zu einem Arzt zu gehen.“
Das war der Beginn einer Wende zum Positiven. Martin suchte einen Arzt auf, welcher ihm riet zu den Anonymen Alkoholikern (AA) zu gehen. Das tat er dann auch. „Ich hatte Angst. Aber ich ging zu dem Treffen, betrunken und mit einer Nylontasche voller Bier. Die Tasche musste ich aber draußen stehen lassen. Man sagte mir, dass ich das Bier nachher trinken könne.“ Seinen ersten Besuch bei den AA empfand Martin als befreiend. „Ich sah, dass ich mit meinem Problem nicht allein war.“ Ab da besuchte er regelmäßig die Treffen der AA. Dort fühlte er sich bedingungslos angenommen.
„Gebe Problem an Gott ab“
Dem Alkoholiker gelang es, ein Dreivierteljahr trocken zu bleiben. Aber dann wurde er abermals rückfällig. Am nächsten Tag bat ihn seine kleine Tochter inbrünstig, mit dem Trinken aufzuhören. „An diesem Tag gestand ich mir ein, dass ich krank bin und dem Alkohol gegenüber machtlos bin. Ich kapitulierte und übergab mich einer höheren Macht. Ab diesem Moment musste ich nicht mehr trinken. Es war zwar nicht leicht, aber mit Unterstützung der AA gelang es mir, trocken zu bleiben.“
Seit knapp 30 Jahren hat Martin keinen Alkohol mehr angerührt. Wenn der Familienvater heute ein Problem hat und nicht mehr weiter weiß, dann gibt er es an Gott ab. „Das ist die Lösung.“ Früher sei das anders gewesen. „Immer wenn ich ein Problem hatte, griff ich zum Alkohol und wollte mir das Leben nehmen.“
Die Anonymen Alkoholiker feierten Ende November im Kolpinghaus in Götzis ihr 40-jähriges Bestehen in Vorarlberg. Kontakt zu den AA: 0664/4888200.