Die Vielseitige

Vorarlberg / 25.11.2023 • 08:00 Uhr
Die Vielseitige
Auch als landwirtschaftliche Helferin stellte sie ihre Frau. Hier auf der Satteinser Alpe Gulm. Heinz Tschavoll

Paula Descher-Tschavoll (1909–2004).

Es gibt Menschen, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen und trotzdem Wege zu einem selbstbestimmten und erfüllenden Leben finden. Diesen zuversichtlichen Lebensmut bezeichnet die Psychologie als Resilienz. Eine solche Widerstandskraft war Paula Descher von Kindheit an zu eigen. Geboren am 19. Juni 1909 als uneheliches Kind in Bludesch, verbrachte sie die frühe Kindheit im ärmlichen Haushalt ihrer Großeltern. Die Mutter musste andernorts als Köchin Geld verdienen. Als Paula acht Jahre alt war, heiratete ihre Mutter und gründete mit ihrem Ehemann in Götzis einen Hausstand. Ihr Kind wurde nicht nur mitgenommen, sondern vom neuen Partner auch adoptiert. Sie hieß nun Paula Pircher und erlebte einige recht unbeschwerte Jahre in der neuen Familie. Nach dem Ende der Pflichtschule musste sie Arbeit in einer Götzner Fabrik annehmen, eine gewünschte weitere Ausbildung blieb ihr verwehrt.

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Paula Descher auf Skiern.

Zu einem ihrer Götzner Mitschüler hielt sie lebenslangen Kontakt, obwohl dieser fernab der Kummenberggemeinde seine Bestimmung fand. Er hieß Rudolf Bacher (1909-1971) und sollte sich zu einem ungewöhnlichen „Mann Gottes“ entwickeln. Nachdem er als Kaplan in Tirol mit den Nationalsozialisten in Konflikt geraten war, platzierte ihn Bischof Rusch in entlegene Berggemeinden. Nach dem Krieg studierte Bacher Physik, wobei er besonders in der Astronomie die Möglichkeit sah, die Existenz Gottes mit den Positionen der modernen Naturwissenschaften in Einklang zu bringen. In Österreich konnte er keine entsprechende akademische Anstellung finden und so folgte er einem Ruf an die Universität im afrikanischen Lesotho. Hier verbrachte er den Rest seines Lebens mehr als astronomischer Erklärer des irdischen Firmaments denn als Verklärer des göttlichen Himmels. Um seine Sternwarte zu finanzieren, besuchte er mehrfach Gönner in Vorarlberg, darunter stets auch seine Schulfreundin aus der Götzner Jugendzeit.

Als Paula Pircher 17 war, verstarb ihre Mutter. Beim Stiefvater und in der Fabrik wollte die nach mehr Welterfahrung strebende Jugendliche nun nicht mehr bleiben und ging deshalb als Haushaltshilfe zu einem Onkel nach Stuttgart. Doch die fremde Tante erwies sich als herrische Frau, die Paula ihren Dienstbotenstatus bei jeder Gelegenheit spüren ließ.

Das verwandtschaftliche Netz bot der Verwaisten aber eine neue Bleibe. Die Zwillingsschwester ihrer verstorbenen Mutter war durch Heirat Wirtin in Bürs geworden. Zudem führte die Wirtefamilie Wachter eine Landwirtschaft. So gab es für die Rückkehrerin genügend Arbeit in Haus und Feld und zugleich Familienanschluss. Mit der Tochter Maria, ihrer Kusine, sollte sie von nun an eine lebenslange Freundschaft verbinden. Hier in Bürs entdeckte sie ihre Begeisterung für die Berge und ihr lustvolles Verlangen nach sportlichen Herausforderungen. Ein solches trieb auch ihre Kusine um: Sie wurde eine der ersten Motorradrennfahrerinnen in Vorarlberg.

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Die junge Paula Descher Ende der 1920er-Jahre als leidenschaftliche Sportlerin: Neben Schwimmen waren Bergsteigen und Skifahren ihre große Passion.

Aber noch einmal verließ Paula Pircher Bürs, weil sie sich weiterbilden wollte. Nach dem Erreichen ihrer Volljährigkeit erhielt sie nicht nur eine kleines Erbe nach ihrer Mutter, sie legte auch den Namen ihres Stiefvaters ab und war nun wieder die Paula Descher. Mit dem ererbten Geld finanzierte sie sich den Besuch der Handelsschule im Bregenzer Marienberg. Wohnen konnte sie bei einem weiteren Onkel, der sich in Bregenz niedergelassen hatte. Sie erwies sich als aufgeweckte und eifrige Schülerin, nahm erfolgreich an Steno- und Schönschreibwettbewerben teil, entdeckte mit dem Schwimmen eine neue Leidenschaft und kellnerte zur Aufbesserung ihrer knappen Finanzen an Ausflugswochenenden am Gebhardsberg.

Sportjahre

Nach dem Ende des so erfüllten Bregenzer Jahres arbeitete sie eine Saison in einem Geschäft in Zürs. Das vor allem deshalb, weil sie Ski fahren wollte. Danach übernahm sie bis zu ihrer Heirat 1935 die Leitung des Konsumvereins in Bürs und wohnte wieder bei der Familie Wachter. In diese Jahre fallen all ihre außergewöhnlichen sportlichen Aktivitäten.

Bergsteigen und Klettern wurden zu ihrer großen Passion. Meist in Begleitung männlicher Alpinisten erstieg sie die herausforderndsten Gipfel in Verwall und Silvretta, darunter den Piz Buin, den Großen Litzner und den Patteriol. Ihr Lieblingsberg aber war und blieb die Zimba, die sie mehrfach und von allen Seiten bestieg. An den Winterwochenenden standen Skitouren auf ihrem sportlichen Programm.

Beim Sport, nämlich bei der Leichtathletik, lernte sie auch ihren Mann kennen. Das war der Lehrer Gebhard Tschavoll aus Satteins, der an der Bludenzer Volksschule unterrichtete und zugleich als aktiver Athlet und Funktionär tätig war. Paula Descher bestritt im Bludenzer Verein Wettkämpfe und erwarb alle Leistungsabzeichen, die im Mehrkampf und in den Einzeldisziplinen möglich waren.

Den sportlichen Plan, den sie aber seit ihrer Bregenzer Zeit hegte, musste sie vor ihrem zukünftigen Gatten und vor allem dessen Mutter geheim halten. Vor ihm, weil er Angst um sie hatte; vor ihr, weil Schwimmen in der traditionell-bäuerlichen Welt als unzüchtig galt. Sie wollte unbedingt den See queren und sich damit ein einmaliges Erlebnis und einen bleibenden Rekord verschaffen.

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Für ihre ungewöhnliche Schwimmleistung, nämlich für die Durchquerung des Bodensees von Bregenz nach Lindau, wurde Paula Descher mit einem Pokal geehrt. Gravour: „Schwimmerfolg Bregenz Lindau, 3.30 am 2.9.1933“.

Im Sommer 1904 waren zwei deutsche Postbeamten erstmals die Strecke von Lindau nach Bregenz geschwommen. Sie wurden dabei von Kollegen auf einem Boot begleitet, die ihnen von Zeit zu Zeit mit Kirschwasser durchtränkte Würfelzucker verabreichten. Sie benötigten viereinhalb Stunden für die sechs Kilometer lange Strecke. 25 Jahre und einen Weltkrieg später übernahmen die Frauen das Wettschwimmen auf dieser Strecke. Am 9. September 1929 durchschwammen die Damen Irma Flunger und Hanny Hofmann, ebenfalls Postbedienstete, den Obersee in 3 Stunden und 15 Minuten. Ihnen folgte im Jahr darauf Gertrud Hermann, eine Urlauberin, im August 1932. Am 2. September 1933 wagte sich schließlich Paula Descher, die fern des Bodensees aufgewachsene 24-jährige Bürserin, bei unruhigem See an die Schwimmstrecke vom Bregenzer Hafen zum Lindauer Strandbad. Ihre Durchquerung in drei Stunden und 30 Minuten galt auch deshalb als besondere Leistung, da sie „keinerlei Vortraining für größere Strecken hatte“ (Innsbrucker Nachrichten 6.9.1933). Sie war damit die erste Vorarlbergerin, die diese Langstrecke – und das im Alleingang – geschafft hatte. Das war der Anstoß für geübte Bregenzer Schwimmer­innen, auf den Rekord der Oberländerin eins draufzusetzen. Nur eine Woche später schwamm Steffi Madlener, Tochter eines bekannten Sportlers, nicht nur nach Lindau, sondern nach einer kurzen Pause gleich wieder nach Bregenz zurück. Das sei zwar eine „sportliche Glanzleistung“, meinten nun die männlichen Kommentatoren, grenze aber „hart an Leichtsinn“, da „bei allem Streben nach Rekorden“ die Sicherheit nicht außer acht gelassen werden sollte. Damit war das Rekordschwimmen bis herauf in die 1950er-Jahre beendet.

Familie und öffentliches ­Engagement

Im September 1935 heirateten Paula Descher und Gebhard Tschavoll, aber es sollten ihnen nur knapp 20 harmonische Ehejahre vergönnt sein. Nach dem Hausbau in Bludenz schenkte Paula Tschavoll zwischen 1939 und 1945 vier gesunden Kindern das Leben, denen sie eine fürsorgliche, aber auch fordernde Mutter war. Das Leistungsprinzip blieb auch über die Jahre als Sportlerin hinaus in ihr verankert. Während des Krieges waren ihr zupackendes Wesen und ihr Organisationstalent sehr gefragt, wo es angesichts der Mangelwirtschaft darum ging, die wachsende Familie mit dem Notwendigsten zu versorgen.

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Als sich nach dem Krieg die materiellen Verhältnisse allmählich besserten und die Kinder zu Jugendlichen herangewachsen waren, verstarb Gebhard Tschavoll. Schon Jahre vor seinem Tod 1964 hatte sich sein Herzleiden angekündigt und zunehmend verschlimmert. Nun lastete die ganze Familien- und Erziehungsarbeit auf ihr alleine. Sie war besorgt um Familie, Haus und Verwandtschaft, versuchte den Kindern Berg und See schmackhaft zu machen und bereitete sich mit ihnen auf ihre nächste Passion, nämlich auf das Reisen, vor. Mit ihren Kindern reiste sie quer durch Europa und ab 1970 tat sie dasselbe mit den Bludenzer Pensionistinnen und Pensionisten. Neben ihrem Engagement in der Stadtpolitik, in der Pfarre und in der Turnerschaft waren es besonders die vorausschauende Planung und wohlorganisierte Durchführung von zahlreichen Seniorenreisen, die die aktive Witwe freudvoll forderten. Die zahlreichen Teilnehmer(innen) dankten der umsichtigen Reiseleitern mit wiederkehrenden Teilnahmen, persönlichem Lob und öffentlicher Anerkennung.

Als ihre bis dahin nahezu unerschöpfliche Kraft immer weniger wurde, verließ Paula Tschavoll ihr geliebtes Bludenzer Heim und verbrachte die letzten Lebensjahre im Altersheim Satteins. Am 7. November 2004 endete mit Paula Tschavolls Tod ein außergewöhnliches Frauenleben. Nach schwierigen Startvoraussetzungen war es ihr gelungen, die in ihr schlummernden körperlichen und geistigen Potenziale zu aktivieren und für sich selbst, die Familie und die Gemeinschaft nutzbar zu machen.

Der Historiker Meinrad Pichler stellt in der Serie „Avantgarde“ historische Persönlichkeiten in und aus Vorarlberg vor, die auf wirtschaftlichem, sozialem oder kulturellem Gebiet vorangegangen sind beziehungsweise vorausgedacht haben und damit über ihre Zeit hinaus wirksam wurden. Neben biografischen Stationen gilt es deshalb vor allem zu zeigen, was diese Personen öffentlich Bleibendes geschaffen, erfunden oder erdacht haben. Da durch aktuelle Gegebenheiten wieder vieles neu gedacht und eingerichtet werden muss, sind innovative Köpfe immer gefragt.