„Dass ein verdientes Mitglied der Gemeindevertretung wegen so etwas gehen muss, ist eigentlich beschämend”

Vorarlberg / 21.11.2023 • 17:10 Uhr
Alpenblick-Chef Christian Giselbrecht ist seit fast 20 Jahren in der Gemeindevertretung.
Alpenblick-Chef Christian Giselbrecht ist seit fast 20 Jahren in der Gemeindevertretung.

Sulzberg steckt in einer tiefen politischen Krise. Was Bürger dazu sagen.

Sulzberg Sein Lieblingsthema bei den Kunden sei immer noch Fleisch und Wurst, sagt Metzgermeister Roland Schmuck. „Alles andere ist Privatsache oder Einstellungssache.“ Der 78-Jährige steht wie so oft in seiner Metzgerei in Sulzberg Dorf und zerlegt Fleisch. Die Rücktrittswelle in der Gemeindevertretung sei aber natürlich schon Tagesgespräch in Sulzberg, merkt er an. Hintergründe kenne er allerdings keine. „Mir ist bloß aufgefallen, dass ich den Bürgermeister in letzter Zeit nicht mehr gesehen habe. Das war schon irgendwie sonderbar. Auch aus der Gemeindevertretung, was dort läuft, hat man wenig gehört“, berichtet Roland Schmuck.

In Sulzberg muss in den nächsten vier Wochen ein neuer Bürgermeister und ein neuer Vizebürgermeister gewählt werden.
In Sulzberg muss in den nächsten vier Wochen ein neuer Bürgermeister und ein neuer Vizebürgermeister gewählt werden.
„Es ist natürlich schon Tagesgespräch in Sulzberg", berichtet Metzger Roland Schmuck.
„Es ist natürlich schon Tagesgespräch in Sulzberg", berichtet Metzger Roland Schmuck.

Es ist Dienstagvormittag, gegen 11 Uhr. Vor nicht einmal 24 Stunden sind der Bürgermeister, der Vizebürgermeister und zwei Gemeindevertreter mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. In ihren Rücktrittsschreiben berichten sie von persönlichen Angriffen, Drohungen und von Umständen in der Gemeinde und der Gemeindepolitik, die es untragbar gemacht hätten, dieses Amt weiterzuführen. Zwei Wochen zuvor haben bereits die Gemeindevorstände Elmar Fink und Helene Blank ihr Amt niedergelegt. Die Gemeinde Sulzberg stecke in einer politischen Krise, räumte die noch restliche Gemeindevertretung in ihrer Stellungnahme nach der Krisensitzung am Montagabend ein.

Es seien unglückliche Zustände, sagt Bäcker Richard Alber.
Es seien unglückliche Zustände, sagt Bäcker Richard Alber.

„Man hat eigentlich nicht wirklich viel mitbekommen“, erzählt Richard Alber (59), Chef der gleichnamigen Bäckerei im Dorfzentrum. Mit den ganzen Vorgaben sei es halt auch nicht mehr so einfach, es allen recht zu machen. „Es sind unglückliche Zustände. Ich denke, es hat angefangen in den ersten Monaten nach der Bestellung des Bürgermeisters und den Ereignissen um das Altenwohnheim. Das ist nicht mehr ganz verarbeitet worden. Es ist schade, ich glaube es haben schon alle versucht das Beste zu tun, leider ist es jetzt so weit gekommen“, beurteilt er die Lage. Wie das Ganze zustande gekommen ist, wisse auch er nicht. Man habe nur gemerkt, dass es verschiedene Ansichten gibt. „Ich mache keinem einen Vorwurf. Es ist blöd gelaufen, würde ich sagen. Wir brauchen jetzt ein mutiges Team, das das wieder in den Griff bekommt und auch das Team wird gefordert sein. Die gewählten Vertreter haben den Auftrag des Volkes. Es lässt sich bestimmt wieder richten. Es sind fähige Leute im Team, die für die Gemeinde tätig sind. Besonders wichtig ist auch die gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung“, hält er fest.  

Josef Forster meint: „Es ist eigentlich verrückt."
Josef Forster meint: „Es ist eigentlich verrückt."

Josef Forster (50), der gerade in der Bäckerei Brot holen will, schüttelt den Kopf. „Es ist eigentlich verrückt, dass es intern so zugeht. Ich habe das alles nicht mitbekommen, obwohl ich eigentlich viele Kollegen in der Gemeindevertretung habe. In letzter Zeit haben sie nur gesagt, dass es immer schwieriger wird“, sagt er. Herbert Vögel (56), der das Gespräch verfolgt hat, merkt an: „Meiner Meinung nach ist es so, dass es keine Freunderlwirtschaft mehr gegeben hat und das vertragen manche immer noch nicht. Unter den Gemeindefunktionären ist mir mindestens einer bekannt, der öfters andere Ansichten hatte als der Bürgermeister, auch zum Thema Transparenz. Als der Bürgermeister ein Gemeindetelegram gemacht hat, hat es etwa geheißen, dass das zu viel verplappern würde“, erzählt der 56-Jährige.

Herbert Vögel sieht das Problem in der nicht mehr vorhandenen Freunderlwirtschaft.
Herbert Vögel sieht das Problem in der nicht mehr vorhandenen Freunderlwirtschaft.

Die Gemeindevertretung distanzierte sich in ihrer Stellungnahme von den anonymen Drohungen und persönlichen Angriffen gegen die zurückgetretenen Gemeindemandatare sowie Gemeindebedienstete, die von außerhalb gekommen seien. „Das sind unserer Dorfgemeinschaft unwürdige, schäbige Methoden, für die in unserem politischen Diskurs und darüber hinaus in unserer gesamten Gemeinde kein Platz sein darf. Gleichzeitig möchten wir bereits an dieser Stelle den zurückgetretenen Gemeindevertretern, insbesondere Lukas Schrattenthaler, für ihren jahrelangen engagierten Einsatz zur Weiterentwicklung unserer Gemeinde, für ihre Tatkraft und ihren Idealismus und für zahlreiche fruchtbare Diskussionen in den Gemeindegremien danken”, schreiben sie.

Christian Giselbrecht (53), Chef vom Gasthof Alpenblick, ist seit fast 20 Jahren Mitglied der Sulzberger Gemeindevertretung. „Das haben wir so noch nie erlebt. Es ist natürlich schon eine veritable Krise“, stellt er am Tag danach fest. In der Sitzung am Montagabend sei betont worden, dass man daran arbeiten wolle, dass die Arbeit fortgesetzt wird. „Es war eine sehr konstruktive Sitzung. Wir haben kein Gemeindevertretungsproblem. Es war nie schlechte Stimmung. Das war eher im Gemeindevorstand“, berichtet er. Ihm persönlich tue es natürlich leid. Drohungen seien ein absolutes No-Go. „Dass ein verdientes Mitglied der Gemeindevertretung wegen so etwas gehen muss, ist eigentlich beschämend“, unterstreicht Christian Giselbrecht.