Alte ÖVP, neue ÖVP
Othmar Karas wäre immer gern der moralische Kompass der ÖVP gewesen. Doch spätestens seit Sebastian Kurz die Christlich-Sozialen türkis übertüncht hat, nordete sich die ‘neue ÖVP’ weiter rechts neu ein. Und Othmar Karas ist derweil so geblieben, wie die Volkspartei früher einmal war.
„Die Sehnsucht nach weniger Inszenierung wächst. Weniger Instagram-Story, mehr Fundament, mehr Inhalt.”
Zurückliegendes wird mit dem Lauf der Zeit immer stärker idealisiert. War die alte ÖVP tatsächlich mehrheitlich anständig, überwiegend bodenständig? Jedenfalls war sie leider auch ein wenig langweilig. Aktuell meint die Regierung, sich überverkaufen zu müssen. Man fühlt sich unter Wert geschlagen, wie auch Parteimanager Christian Stocker im VN-Interview sagte. Schon beim Aufstehen also eine Pressemitteilung. Blamagen inklusive: Große Inszenierung vor der „Austrian Airforce“-Maschine, die dann wegen eines technischen Defekts nicht in Richtung Tel Aviv abheben kann. Und der „Hamburger vom McDonald´s” liegt dem glücklosen Kanzler Karl Nehammer sowieso schwer genug im Magen. Die Sehnsucht nach weniger Inszenierung wächst. Weniger Instagram-Story, mehr Fundament, mehr Inhalt. Doch damit ist in dieser populistischen Zeit nichts zu gewinnen, vor allem nicht gegen den fahnenschwingenden Herbert Kickl (FPÖ).
Othmar Karas stand diese Woche mit seinem persönlichen „Es reicht” vor den Kameras. Alles ist hübsch gemacht, nirgends der Hauch eines ÖVP-Logos, überall prangt „OK”. Es sind die Initialen des Mannes, der sich hauptsächlich über die Art der Politik (und die neue ÖVP) beschwert, sich aber vor allem für weitere politische Ämter empfehlen möchte. Die Optik verheißt: Dies ist der Anfang von etwas Neuem. Ob der Weg in den Nationalrat oder in die Hofburg führen soll, hängt nun vor allem vom Zuspruch, auch von den Zuwendungen ab.
Nächste Woche wird die ÖVP von ihrer schrillsten Zeit eingeholt. Sebastian Kurz ist zurück im Rampenlicht, vorerst nur für ein paar Tage. Er muss sich ab Mittwoch wegen falscher Zeugenaussage im Ibiza-U-Ausschuss vor Gericht verantworten. Dieser Prozess beschäftigt sich verglichen mit weiteren möglichen Anklagen mit dem harmlosesten Tatbestand. Ein Freispruch allein in diesem Prozess könnte aber genügen, um Sebastian Kurz zu bestärken, noch einmal in der Politik sein Glück zu versuchen. Nach dem Motto „Jetzt erst recht. Das Volk wird entscheiden” läge der Wahlkampf-Spin in der Schublade und auf der Hand.
Ob das auch inner- oder nur außerhalb der ÖVP funktionieren könnte, darüber scheiden sich die Geister. Doch je eher die Nehammer-Partei unter 20 Prozent in den Umfragen rutscht, umso größer wird die Verzweiflung sein.
Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.
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