Wen die Teuerung auszehrt

Vorarlberg / 09.10.2023 • 06:00 Uhr
„Bei uns ist die Lage weiterhin angespannt“, berichtet Elmar Stüttler, Obmann und Gründer der Initiative „Tischlein Deck Dich“, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt.<span class="copyright">Foto: VN/Steurer</span>
„Bei uns ist die Lage weiterhin angespannt“, berichtet Elmar Stüttler, Obmann und Gründer der Initiative „Tischlein Deck Dich“, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt.Foto: VN/Steurer

Vorarlberg: In jedem vierten Haushalt gibt es keinen oder nur sehr geringen Spielraum.

SCHWARZACH Einer Mehrheit geht es sehr gut. Über 90 Prozent berichten, dass es ihnen und allfälligen übrigen Haushaltsmitgliedern möglich ist, sich regelmäßig ein ordentliches Essen zu leisten. Bei weit mehr als der Hälfte ist zumindest ein Urlaub im Jahr drin. Restaurantbesuche zwischendurch stellen kein Problem dar. Das ist die eine Seite. Die andere: Schaut man sich Daten an, die „Statistik Austria“ durch über 3000 Befragungen österreichweit vor dem Sommer erhoben hat und berücksichtigt man, dass Detailergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind, kommt man zum Schluss, dass die Möglichkeiten bei gut einem Viertel der Haushalte im Land extrem begrenzt sein dürften.

Wen die Teuerung auszehrt

Da geht sich ein Urlaub von einer Woche pro Jahr für alle Haushaltsmitglieder genauso wenig aus wie ein Treffen mit Freunden zum Essen oder Trinken sowie eine regelmäßige Freizeitaktivität, die Geld kostet. Unerwartete Ausgaben von 1300 Euro können wiederum nur auf Pump finanziert werden. Und bei einigen Leuten ist nicht einmal alle zwei Tage eine „Hauptmahlzeit mit Fleisch, Fisch oder vegetarisch“ leistbar, wie sie selbst berichten. Genauer definiert ist das nicht, vom Boden- bis zum Neusiedlersee handelt es sich aber um acht Prozent. In Vorarlberg sind es ähnlich viele.

Erhebungen zur sozialen Lage führt „Statistik Austria“ im Auftrag von Eurostat und des Sozialministeriums einmal pro Quartal durch. Zuletzt entstand der Eindruck, dass es zu keiner weiteren Verschärfung mehr gekommen ist. Ist das aber wirklich so?

Neues bei „Tischlein Deck Dich“

„Bei uns ist die Lage weiterhin angespannt“, berichtet Elmar Stüttler, Obmann und Gründer der Initiative „Tischlein Deck Dich“, die landesweit Lebensmittel an Bedürftige ausgibt. Vor eineinhalb, zwei Jahren habe man 530 Familien mit 1700 Personen versorgt, seit geraumer Zeit – und nach einer etwas niedrigeren Zahl im Sommer – seien es rund 1000 Familien mit 2300 Personen. Wobei man das Problem habe, dass man immer weniger Ware bekomme, um sie zu verteilen. Ein Grund dafür sei die Tendenz im Handel, Obst und Gemüse, das man früher nicht mehr verkauft hätte, stark vergünstigt anzubieten. Haken aus sozialer Sicht: Da greifen laut Stüttler auch Leute zu, die es nicht nötig hätten.

Die Zahl der Personen, die von „Tischlein Deck Dich“ mit Lebensmittel versorgt werden, ist von 1700 auf 2300 gestiegen. <span class="copyright">Foto: VN/Steurer</span>
Die Zahl der Personen, die von „Tischlein Deck Dich“ mit Lebensmittel versorgt werden, ist von 1700 auf 2300 gestiegen. Foto: VN/Steurer

Der Russ-Preisträger ortet eine „Verfestigung der Armut“. Den Mann, auf den er Mitte September in Bregenz gestoßen ist und der für den Rest des Monats nur noch 1,80 Euro gehabt habe, vergisst er nicht. Mittellosigkeit werde im Übrigen versteckt: „Niemand gibt gerne zu, arm zu sein. Da ist Scham dabei.“ Sie kommt auch folgendermaßen zum Ausdruck: Immer mehr Bedürftige, die noch nie mit „Tischlein Deck Dich“ zu tun hatten, würden sich für eine Mitarbeit bewerben. „Das ist neu“, so Stüttler, es seien vier, fünf pro Woche. Sie würden es tun, um dann mit Lebensmitteln nach Hause gehen zu können. Das falle ihnen dann leichter. Es seien schon so viele, dass man gezwungen sei, eine Warteliste zu führen.

Caritas sieht Überforderung

Caritas-Direktor Walter Schmolly sieht ebenfalls keine Entspannung. Von Bund und Land gesetzte Maßnahmen zur Abfederung von Krisen seien zwar angekommen und würden gerade auch in den kritischen Bereichen Wohnen und Energie wirken. Aber: „Zugleich ist erkennbar, dass die Haushalte mit dem kleinsten Einkommen zwischenzeitlich vielfach überfordert sind, Elementares, wie zum Beispiel Lebensmittel und Gesundheit, zu finanzieren.“

Caritas-Direktor Walter Schmolly: Immer mehr Klientinnen und Klienten in den Beratungsstellen der Organisation. Und: „Die Tendenz hält weiter an.“ <span class="copyright">Foto: VN/Stiplovsek</span>
Caritas-Direktor Walter Schmolly: Immer mehr Klientinnen und Klienten in den Beratungsstellen der Organisation. Und: „Die Tendenz hält weiter an.“ Foto: VN/Stiplovsek

Mit 2104 Klientinnen und Klienten landesweit habe die Caritas heuer von Jänner bis Juni um ein Zehntel mehr verzeichnet als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Und ein Blick auf die ersten Zahlen für das dritte Quartal, das mit September zu Ende gegangen ist, zeigt laut Schmolly: „Die Tendenz hält weiter an.“