Jeder Sechste möchte weniger arbeiten

Bei Vollzeitbeschäftigten ist der Anteil größer: Experte verweist auf Belastung und Wertewandel.
SCHWARZACH. Die politische Debatte ist festgefahren: SPÖ-Chef Andreas Babler wirbt für eine Arbeitszeitverkürzung auf 32 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich, vor allem aus der Wirtschaft kommt jedoch eine Absage. Begründung: Aufgrund eines wachsenden Arbeitskräftemangels sei das unmöglich.
Was wollen Arbeitskräfte? „Fast niemand mag Überstunden, alle Generationen wollen eher reduzieren, wenn sie Vollzeit arbeiten“, berichtet Christoph Hofinger vom Sozialforschungsinstitut SORA unter Verweis auf Umfrageergebnisse. „Statistik Austria“ stellte jüngst fest, dass insgesamt fast jeder sechste Erwerbstätige (17,3 Prozent) weniger und gut jeder fünfzehnte (6,5 Prozent) mehr arbeiten möchte.

Bei Vollzeitbeschäftigten sehnt sich ein größerer Teil nach einer Reduktion; nämlich jeder vierte bis eher jeder fünfte (22 Prozent). In Vorarlberg sind es mit 21 Prozent ähnlich viele. 76 Prozent hierzulande wünschen sich persönlich keine Änderung, drei Prozent der Vollzeitbeschäftigten würden ihre Arbeitszeit gerne ausweiten.
Bei der Fragestellung wurde von der „Statistik Austria“ ausdrücklich auf mögliche finanzielle Folgen hingewiesen. Sprich: Die 21 Prozent, die im Land fast 30.000 Personen entsprechen, würden für eine Arbeitszeitverkürzung auch einen Einkommensverlust in Kauf nehmen.
Und das in Zeiten der Teuerung. Wie passt das zusammen? AK-Vorarlberg-Arbeitsmarktexperte Dominic Götz hat Erklärungen dafür. Erstens: „Es handelt sich um eine hypothetische Frage.“ Wenn die Befragten tatsächlich vor die Wahl gestellt werden würden und sich die finanziellen Folgen durchrechnen müssten, würde das Ergebnis möglicherweise anders ausfallen.

Von einem zunehmenden Trend im Sinn einer besseren „Work-Life-Balance“ zu sprechen, greift laut Götz zu kurz: „Schon vor zehn Jahren war der Wunsch nach weniger Arbeit bei Vollzeitbeschäftigten ähnlich groß.“ Bei Teilzeitbeschäftigten überwiege hingegen traditionell der Wunsch, mehr Stunden zu arbeiten. Ein Blick in ältere Untersuchungen der „Statistik Austria“ bestätigt dies.
Auffallend sind jedoch gewisse Unterschiede. Zum Beispiel nach höchster abgeschlossener Ausbildung und damit auch durchschnittlichem Einkommen: Rund 30 Prozent aller österreichischen Akademikerinnen und Akademiker in Vollzeitbeschäftigung hätten gerne eine Reduktion, aber nicht einmal halb so viele, die maximal die Schulplicht erfüllt haben und heute eher weniger verdienen. Das deutet darauf hin, dass sie es sich seltener leisten könnten.
Chance für junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
„Dass es auch einen Wertewandel gibt, kann man nicht wegdiskutieren“, räumt Götz ein: „Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind selbstbewusster. Das hat auch damit zu tun, dass sich der Arbeitsmarkt wandelt und sie viel mehr die Chance haben, ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen, sofern sie über eine Qualifikation verfügen, die ein Unternehmen braucht.“ Umgekehrt würden Unternehmen darauf reagieren und entsprechende Arbeitszeitmodelle anbieten.

Außerdem verweist der 32-Jährige auf Unterschiede nach Branchen: Im Gesundheits- und Pflegebereich etwa sei die Belastung seit Corona verstärkt gestiegen. Das trage dazu bei, dass viele nicht Voll-, sondern Teilzeit tätig seien. Mehr würden sie schlicht nicht schaffen.