Wo Frauen immer weiter davonziehen

Studierende: Bereits 56 Prozent weiblich. Sprecherin sieht trotzdem ein Problem.
SCHWARZACH An der Spitze der österreichischen Studierendenvertretung ÖH steht mit der gebürtigen Vorarlbergerin Nina Mathies eine Frau. Das ist zumindest insofern naheliegend, als längst mehr Frauen als Männer an einer Universität, Fachhochschule oder Pädagogischen Hochschule studieren. Bei den Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern, die das tun, hat sich das zuletzt sogar verstärkt. Mit 4838 belief sich der Frauenanteil im vergangenen Wintersemester auf ganze 56 Prozent. Der Männeranteil sank mit 3847 umgekehrt auf 44 Prozent.
„Grundsätzlich ist das ein gutes Zeichen“, sagt Mathies im Gespräch mit den VN: „Vielleicht trägt das dazu bei, dass sich zum Beispiel die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern schließt.“ Hintergrund: Nach formalem Bildungsabschluss verdienen Akademikerinnen und Akademiker im Durchschnitt am meisten. Der Haken: Es handelt sich eben nur um einen Durchschnitt, und das leitet auch schon über zu einem „Aber“, das Mathies umgehend hinzufügt.
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Es ist nicht nur so, dass sich für Frauen das Thema Karriere insbesondere aufgrund unzureichender Betreuungsangebote mit dem ersten Kind nicht selten erledigt hat; und dass sie dadurch bis an ihr Lebensende geringere Einkünfte erzielen. Frauen wählen auch noch immer eher Studienrichtungen, die zu weniger gut bezahlten Jobs führen. In geisteswissenschaftlichen Fächern sind sie doppelt so stark vertreten wie Männer. Beim Lehramt dominieren sie noch viel deutlicher. Umgekehrt macht ihr Anteil in technischen Studienrichtungen nur gut ein Fünftel aus. Auch in den Wirtschaftswissenschaften bilden sie eine Minderheit.
Im ersten Jahr nur eine Frau als Professorin
Die 22-jährige Mathies, die am Bundesgymnasium Dornbirn maturiert hat und seit dem Sommer oberste Vertreterin aller österreichischen Studierenden ist, kann aus der Praxis berichten: Sie ist eine der wenigen Frauen, die an der Wiener Universität für Bodenkultur Umweltingenieurwissenschaften studiert.

Dass hier überwiegend Männer anzutreffen seien, hänge mit klassischen Bildern wie jenen zusammen, dass „nur ein Mann Ingenieur sein kann“, meint sie. An der Uni selbst sei auch der Lehrkörper überwiegend männlich. Im ersten Jahr habe sie nur eine Frau als Professorin gehabt. Derlei habe Folgen, so Mathies: „Es zeigt sich, dass die wenigen Frauen, die es in solchen Studienrichtungen gibt, oftmals abbrechen.“ Sie seien häufiger mit bewussten oder unbewussten Vorurteilen konfrontiert, die darauf hinauslaufen, dass ihnen nicht so viel zugetraut wird wie männlichen Kollegen.
Quotenregelung für Lehrende?
Das zeigt, dass Gleichstellung ein vielschichtiger und auch langwieriger Prozess ist, wie Mathies bestätigt: „Man muss schon im Kindesalter beginnen, Rollenbilder aufzubrechen.“ Für die Hochschulen fordert die ÖH-Vorsitzende, die dem „Verband Sozialistischer Studierender“ angehört, wiederum Quotenregelungen, damit Lehrstühle geschlechtergerecht besetzt sind.